Was es ist und was es nicht ist

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Die Physiker suchen nach der Vereinigung aller physikalischen Kräfte in eine Weltformel, die Sprachwissenschaftler nach der Essenz der Sprache, asiatische Religionen lehren einen Ur-Ton, der die Welt darstellt, viele Wissenschaftler aus vielen Wissensgebieten glauben, es gäbe ein Big Picture, ein großes, einfaches Bild, das den komplexen Zusammenhang der Welt darstellt und das alle, die es ansehen, sofort erleuchtet, und die Religionen lehren, dass Gott die erste Ursache aller Ursachen sei. Dieses Buch erklärt, warum es so viele unterschiedliche Meinungen, Worte und Begriffe gibt und warum alle im fundamentalen Grunde dasselbe meinen.

Was es ist und was es nicht ist

Die folgende Schrift basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sogar auf den allerneuesten. Aber auch auf den urältesten. Ich bin Wissenschaftsjournalistin. Somit ist das folgende Werk kein strenges wissenschaftliches. Es ist eher ein journalistisches, das wissenschaftliche Fakten zu einem Thema sammelte und zu einem eigenständigen schriftlichen Werk zusammenfügte. Mein Thema: Das Fundament des Daseins.

Meine Aussage: 

Aus dem Bewusstsein erwächst das Dasein und wir  Menschen können uns selbst und unser Dasein mit Selbst-Bewusstsein nach unserem Willen kreieren.

Diese Aussage variiert im Folgenden in seiner Darstellungs- und Wortform. Inhaltlich bleibt es stets dasselbe.  

Kritzeleien, die sich später als nützlich zu wissen erweisen

Zuerst ist da die Idee. Ich beabsichtige ein Buch zu schreiben, das den Titel trägt „Das triviale Fundament“. Darin will und werde ich darlegen, dass die von mir hier aufgestellte Theorie die Basistheorie aller Theorien der Welt ist.

Ich möchte beweisen, dass das Innen und Außen aus einem Fundament erwachsen sind und dass eben darin alle bisher unerklärbaren und erklärbaren Phänomene der erkennbaren Welt gründen und dass aus dieser fundamentalen Sichtweise eine neue Herangehensweise an die Zukunft der Menschheit möglich ist. Damit möchte ich ein neues Mensch- und zugleich Weltverständnis begründen. Wie ich zunächst darüber nachdenke, wie ich an dieses Werk herangehe, entspinnt sich in mir ein Dialog. Die meisten Menschen kennen diese Dialoge in ihrem Kopf. Dabei gibt es ein „Ich“ und noch jemanden, mit dem das „Ich“ sprechen kann. Dieser Jemand kann verschiedene Persönlichkeiten annehmen. Es kann Mutter oder Vater darstellen, ein Freund oder Lebensgefährte, ein Feind, eine vollständig fremde Person sein, je nach Situation kann es ein Lehrer sein, auch ein „höheres“ Wesen, ein Engel oder Schutzgeist. Manche Menschen vermeinen, mit Gott persönlich zu sprechen. Der Volksmund spricht bei diesem Dialogpartner oft von der inneren Stimme oder schlicht vom Gewissen, meist dem schlechten Gewissen.

Mein Dialogpartner ist manchmal witzig und manchmal nervig, weil er scheinbar alles besser weiß.

Tag 1 des Schreibens an diesem Werk

Ich lernte in der Schule die Grundfrage der Philosophie: Was war zuerst da, Geist oder Materie?

Tja.

Daran reiben sich noch heute die Leute. Die einen sagen so, die anderen so.

Was ist Geist? Was ist Materie?

Na?

Hat jemand eine Antwort?

Ja, klar. Es gibt heute soooooooo unendlich viele Erklärungen, was Geist und Materie sei. Aber es gibt nicht die eine, auf die sich ALLE Menschen einigen können. Einige Jahrtausende galt in der Welt das Wort der Religionsvertreter, der Gläubigen. Sie sagten: Gott ist unerkennbar, hört auf zu fragen. Wer dennoch fragte, war ein Ketzer gegen den reinen Glauben und verlor seinen Kopf oder verbrannte auf dem Scheiterhaufen.

Seit einigen Jahrhunderten setzt sich im europäischen Raum die Naturwissenschaft, speziell die Physik als die Wissenschaft durch, die zumindest eine Antwort auf die Frage hat, was Materie ist. Sein könnte. Eventuell. Also soweit ist man nun doch noch nicht, dass man das ganz genau weiß. Man weiß es ziemlich sicher. Immerhin kann man Materie sehen und anfassen. Aber ist das wirklich Materie???

Einige Physiker sind sich einig, dass Materie so etwas wie gefrorene Energie sei. Energetische Cluster, Zusammenballungen, Brocken von Energie. Und damit der „normale“ Geist nicht an den Aussagen der Physiker zweifelt, erfanden sie ganz ellenlange Formeln und Rechenwege, um zu erklären, was Materie sei. So sagen sie, im tiefsten Inneren aller physikalisch-materiellen Erscheinungen, in den tiefsten Tiefen des Atomkerns, da wuseln Strings, superwinzigkleine eindimensionale offene und geschlossene Fäden, die schwingen.

Aha. Zeig mal.

Geht nicht.

Wieso nicht?

Kann man nicht sehen, nur berechnen.

Zeig mal die Rechenaufgabe.

Geht nicht.

Wieso nicht?

Dafür benötige ich 100 Millionen Computer, die mindestens noch 10 Jahre rechnen. Aber dafür stimmt dann die Berechnung auch.

Sicher?

Nicht ganz. 

Was haben wir nun gelernt? Geist ist, wenn man verbrannt wird, wenn man nicht an ihn glaubt, und Materie ist, wenn 100 Millionen Computer 10 Jahre ununterbrochen rechnen und das Ergebnis dann fast stimmt.

Irgendwie passt die philosophische Grundfrage scheinbar nicht mehr in unsere Welt. In Europa zumindest wird man nicht mehr verbrannt, wenn man nicht an Geist oder Gott glaubt. Und die Physik hat schon so viele schöne Dinge für den Gebrauch im Alltag gefunden, da nimmt ihr niemand übel, dass sie nicht ganz genau weiß, was Materie ist. Immerhin kann jeder sie sehen und anfassen, da glauben die meisten ganz fest, dass die Physiker das schon irgendwie hinbekommen. Das mit der Definition der Materie. Sie fanden auch schon das Higgs-Boson.

Was?

Na das Teilchen, das die Masse der Materie erklärt.

Ach ja?

Ja.

Wirklich?

Na, fast. Sie fanden etwas, das es sein könnte. Doch daran müssen nur noch 100 Millionen Computer 10 Jahre ununterbrochen rechnen. Ich meine, das ist doch ein Klacks angesichts dessen, dass sowieso alle wissen, was Materie ist. Oder?

Was sagen die Physiker zum Geist?

Die Physiker beschäftigen sich nicht mit Geistigem, dafür sind die Geisteswissenschaftler da.

Heißt das, für die Physiker gibt es keinen Geist?

So kann man das nicht sehen. Natürlich wissen Physiker auch um geistige Prozesse, um Vorgänge, die in unserem Kopf passieren, was mit Denken und so zu tun hat. Aber dafür gibt es die Neurologen, die Gehirnwissenschaftler.  

Was sagen denn nun die Physiker zum Geist?

Nichts. Sie untersuchen keine geistigen Prozesse, nur materielle.

Aber sie wissen doch gar nicht, was Materie ist. Woher wissen sie, dass sie nicht doch geistige Prozesse untersuchen, wenn sie das untersuchen, wovon sie glauben, dass es Materie sei?

Na, nun hört sich´s aber auf. Willst du ernsthaft behaupten, ein Atom oder ein Molekül sei etwas Geistiges?

Nun ja, ich behaupte es nicht, ich meine nur, kannst du beweisen, dass es NICHTS Geistiges ist?

Muss ich nicht.

Wieso nicht?

Weil sich die Wissenschaftler der Welt darin einig sind, dass das sogenannte Geistige nur im Kopf der Menschen vorkommt.

Im Kopf der Affen nicht?

Naja, im Kopf der Affen eventuell auch.

Und im Kopf von Mäusen?

Da vielleicht auch ein bisschen.

Im Kopf von Flöhen?

DU hast Flöhe im Kopf.

Harlem bei Nacht abb01

Abbildung : Ohne Dunkelheit gäbe es kein Licht. Auch nicht in Harlem bei Nacht.

Haben Flöhe nun ein Gehirn oder nicht?

Ja, so groß wie deins.

Du wirst unsachlich.

Deine Fragen nerven.

Deinen Geist?

Nein, mein materielles Gehirn. Es tut schon weh wegen deiner nicht gerade geistvollen Fragen.

Was ist Schmerz?

Wenn ich dir eine runterhaue, fühlst du Schmerz.

Kann man Schmerz sehen?

Nein, nur fühlen. Aber man kann im Körper sehen, wie Schmerzen funktionieren. Da feuern Nervenleitungen Signale durch den Körper zum Gehirn, das diese Signale so umwandelt, sodass du Schmerzen fühlst.

Was sind Gefühle?

Sie werden von Hormonen und Neurotransmittern erzeugt.

Kann man Gefühle sehen?

Nein, aber man weiß heute schon, welche Hormone welche Gefühle erzeugen.

Ich weiß, Adrenalin und Noradrenalin sorgen dafür, dass dich meine Fragen nerven.

Richtig.

Sind Gefühle auch etwas Geistiges?

So was in der Art. 

Also die Physiker erforschen nicht das Denken und Fühlen, nur das, was man so sehen und anfassen kann, richtig?

So in etwa.

Was erforschen die Physiker denn nun?

Materie und Energie. Wie die Welt aufgebaut, in sich strukturiert ist und wie sie funktioniert.

Boahey.

Da staunst du, was?

Ja.

Das ist auch wirklich bemerkenswert.

Vor allem deshalb, weil sie die ganze Welt mit ihrem Geist erforschen, den Geist aber aus ihrer Forschung dann doch herauslassen. 

Den Geist erforschen die Neurologen. Die Biologen auch. Die Kommunikationsforscher ergründen auch geistige Prozesse. Die Philosophen sind berühmt dafür, ebenso wie die Psychologen. Von den Religionswissenschaftlern gar nicht zu reden. Es beschäftigen sich genügend Forscher der ganzen Welt mit dem, was man so geistig nennt. Da können sich die Physiker beruhigt auf das konzentrieren, was Materie und Energie ist.

Wovon die aber nicht wissen, was es ist, jedenfalls nicht genau.

Im Großen und Ganzen schon.

Auch da nicht – da noch weniger.

Wie meinst du das?

Nun, ich denke, so um die 97 Prozent des gesamten Universums besteht aus sogenannter Schwarzer Energie und Schwarzer Materie. Wobei das Wort Schwarz für den Satz steht: Ich weiß nicht, was das ist. Vom Großen und Ganzen verstehen die Physiker gerade 3 Prozent.

Ich bekomme Migräne.

Tag 2 des Schreibens an diesem Werk

Ich muss dem Herrn Prof. Dr. Lawrence M. Krauss sehr danken, dass er das Buch schrieb „Ein Universum aus dem Nichts“.i Ich hätte nie so viel Physik studieren können, um das genau so wie er erklären zu können. Aber ich hätte es gemusst, um es genau so zu erklären, denn es passt wie die Faust aufs Auge zu meiner Absicht, dieses Buch zu schreiben. 

Ich muss jetzt nur erklären, warum meine Erkenntnistheorie die Basis aller Theorien ist. Weil sie eben  – weil ???? Na???? Das ist noch mein Problem.

Warum ist meine Theorie die Basis aller Theorien? Ich muss ehrlich sein, es ist nicht ganz meine Theorie allein. Vielleicht fast gar nicht meine. Ich kann nicht sagen, wie viel Prozent dieser Theorie meine eigene Arbeitsleistung enthält, denn ich weiß nicht, wie viel Arbeitsleistung in den Erkenntnissen der vielen Menschen steckt, deren Wissen ich in diesem Werk versammele. Es also zusammensammelte, summierte, ordnete, nach Gutdünken auseinandernahm und an anderer Stelle wieder zusammensetzte. Meins und Deins verschwimmen hier zu sehr, als dass ich einen großen Verdienst an diesem Werk beanspruchen könnte. Ich bin halt mehr Journalistin. Ich recherchiere, sammle Informationsstückchen und mache aus den gesammelten Informationsstückchen einen Text. Die Idee zum Text ist mein Werk, die Stückchen darin eher nicht. Da ich für dieses Werk aber jetzt um die 15 Jahre lang recherchierte, habe ich einen Verdienst daran. Wer messen will und das passende Messgerät hat, mag messen, wie viel und wie schwer mein Verdienst daran beträgt.

Das mit dem Messen ist so insgesamt das eigentliche Problem der Erkenntnis. Das Ur-Problem. Niemand, der einen Zollstock oder eine Wasserwaage in die Hand nimmt, wird glauben, dass das Messen eines der Ur-Probleme der ganzen weiten Welt ist. Wir benutzen heutzutage Messwerkzeuge, als wären sie ganz natürlich an einem Messwerkzeugbaum gewachsen, von dem alle Menschen seit Menschengedenken das gleiche Maß für alle zu allen Zeiten pflückten. Gott bewahre. Die Geschichte des Messens ist eigene Bücher wert und das Messen wird trotz aller Vereinheitlichung immer komplizierter, denn leider verändert sich die Welt ständig und genauso fließend verändern sich die Maßeinheiten.

Für Frauen verständlich ausgedrückt: Ziehen Sie einen Rock der Größe 40 aus dem italienischen Modebereich an, dann einen Rock der Größe 40 aus dem chinesischen Produktionsbetrieb und dann einen Rock der Größe 40 aus deutscher Produktion… Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Für Männer verständlich ausgedrückt: Das Ur-Meter-Maß, das in Paris seinen Platz hat, verändert seine Länge auch schon unter den strengsten gleichbleibenden klimatischen und sonstigen Bedingungen, zum Leidwesen der Ur-Meter-Beaufsichtiger. Sobald dieses Urmeter aber der freien Natur ausgesetzt wird, klimatischen und Höhenveränderungen unterliegt, …. mehr muss ich dazu nicht sagen.

Jeder Mensch sieht und erkennt die Welt anders. Individuell nämlich. Auf seine eigene Person und seine ganz individuelle Voraussetzung bezogen. Natürlich kann man sich – ganz allgemein – darauf einigen, dass Rot Rot ist. Aber was ist Rot? Und welches Rot ist gemeint??? Es gibt Millionen Varianten von Rot und unter klimatischen und tageszeitlichen Veränderungen verändert Rot seine Röte – das auch noch individuell unterschiedlich. 

Zumal es die Farbe Rot an sich nicht gibt. Rot ist eine Form der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Seine Augen gestalten aus Lichtstrahlen die Farbe Rot, nachdem der Lichtstrahl durch Absorption und andere physikalisch-optisch erklärbare Veränderungen bestimmte Bestandteile seiner Existenz verlor bzw. umwandelte. In Wärme zum Beispiel. Und es gibt so viele Augen. Dann ist es nach neuesten Forschungsergebnissen möglich, die Farbe Rot zu hören und zu schmecken. Manche Menschen können das, bei ihnen verschalten sich die Neuronen der Sinnesorgane ganz anders als normal üblich. Kann es sein, dass ursprünglich EINE Wahrnehmung ALLES zusammen als EINS wahrnahm?

Messinstrumente sind technische Werkzeuge für eine Erweiterung der menschlichen Erkenntnis. Messen beruht auf Wahrnehmen und Erkennen. Das Messen ganz allgemein ist somit schlicht eine technisch verlängerte Form der menschlichen Erkenntnis. Was ist Messen? Ganz allgemein gesagt: Der Mensch nimmt ein Stück aus seiner Umwelt heraus, bestimmt, dass dieses Stück einen Namen hat, in ein System geordnet wird und ihm einen Nutzen bringt. Zum Messen benötigt man eine Zahl und eine Einheit. Ein Meter ist so ein Stück der Umwelt. Das System nennt sich Länge. Der Nutzen des Längenmessens ist jedem Grundstücksbesitzer klar.

Aber auch ein Photon ist ein Stück Umwelt. Viel kleiner als ein Meter. Das Photon wird in das System der Quantenphysik eingeordnet. Sein Nutzen ist bestimmten Physikern klar. Den meisten Menschen eher nicht.

Einheitliche Maße sind wichtig in der heutigen globalisierten Welt. Früher war eine Elle so lang wie der Stoffhändler an seinem Unterarm von der Hand bis zum Ellbogen maß. Sehr variabel. Es gab früher sogar Maße desselben Systems, zum Beispiel ein Scheffel, für Bauern und Herrschaftsleute unterschiedlicher Größe.  Jedem ist klar, den Bauern galt immer das ungünstigere Maß.

Heute gelten weltweit die Maße der globalen Industrievereinigungen. Das hat Vorteile, aber natürlich auch Nachteile, denn nach diesen Maßen müssen sich nun alle richten, ob sie wollen oder nicht.

Jeder Mensch misst mit seinen Wahrnehmungsorganen seine Umwelt ab. Mit den Augen sortieren wir in Farbsysteme, in Helligkeitssysteme, in Weiten und Nähen, in Bewegungssysteme. Mit den Ohren sortieren wir hohe und tiefe, leise und laute Töne, Entfernung und Richtung der Geräuschquelle, Klang oder Missklang. Das Geschmacksorgan Zunge sortiert nach süß und salzig, sauer und bitter und eventuell noch scharf. Die Nase des Menschen muss im Gegensatz zur Nase des Hundes nicht so viele Aromen und Gerüche sortieren. Die Haut sortiert nach Wärme und Kälte, nach stofflicher Beschaffenheit, nach Nässe und Trockenheit.

Wissenschaftlich belegt ist inzwischen, dass Männer dieselbe Umwelt weniger kalt als Frauen empfinden. Deshalb geben moderne Wetterdienste auch getrennte Informationen zu den eventuell gefühlten Temperaturen für Frau und Mann an zu den eigentlichen gemessenen Maßen. Ist es draußen 17 Grad Celsius, fühlt der Mann 19 Grad, die Frau 15. Was nun auch nicht viel besagt, denn was die Frau wirklich fühlt, das kann kein Meteorologe wirklich wissen. Es sind Erfahrungs- und Schätzwerte. Und Werte, die man auf einem Thermometer abmisst.

Das alles hat mit Erkenntnis zu tun.

Die Physik ist die Wissenschaft, die den Anspruch erhebt, die Basis der Natur des Daseins erkennen zu wollen und zu können. Um diesen Anspruch zu verteidigen, wird die Mathematik als Waffe benutzt. Heute verstehen nur diejenigen Menschen die modernen physikalischen Theorien von der Natur des Daseins, die mindestens fünf Jahre höhere Mathematik und physikalische Theorie studierten. Meistens sind das nur Mathematiker und Physiker, und die sind sich in ihrem Anspruch einig. Dagegen kommt nicht einmal die Kirche mit ihrem Gott an. Obwohl Gläubige meinen, dass der die Mathematik erfunden hätte samt dem Dasein, das von den physikalischen Mathematikern oder mathematischen Physikern gemessen und berechnet und erkannt wird.

Die Naturwissenschaft und Gott, das ist ein langes und grausames Thema. Warum streiten sich die beiden Kontrahenten so sehr? Es geht um grundlegende ganz menschliche Eigenschaften. Um die grundlegendste an sich: Gier. Gier ist das negative Wort für Habenwollen. Habenwollenmüssen. Der Mensch muss habenwollen, ansonsten stirbt er. Dabei kann er sehr wohl das Maß verlieren und zu viel haben wollen, dann nennt man es Maßlosigkeit oder Gier. Menschen, die nicht so viel haben wollen oder bekommen können, nennt man arm oder blöd oder schwach.

Schwäche und Stärke sind auch Maße der Physik, aber nicht nur. Es sind auch Maße der Kriegskunst. Kirche und Naturwissenschaft standen lange im Krieg und in Wahrheit ist dieser Krieg noch nicht zu Ende, wenn er heute auch nicht mehr von Seiten der Kirche mit Verbannung, Exkommunizierung und öffentlichen Verbrennungen geführt wird. Dafür hat die Naturwissenschaft Waffen erfunden, die genauso wirken wie damals die kirchliche Verbannung. Alle, die vom Glauben der modernen öffentlich und industriell geförderten Wissenschaftslehre abfallen, werden von den Fleischtöpfen verbannt. Sie bekommen keine Forschungsstelle, kein Lohn, kein Brot. Ihre Existenz ist gefährdet.

Ich bin Tony Rothman sehr dankbar, der als theoretischer Physiker an der Princeton University arbeitet und der sich für das frühe Universum, die allgemeine Relativitätstheorie und die fundamentalen Fragen der Physik interessiert. In einem Zeitschriftenbeitrag mit dem Titel „Die Physik – ein baufälliger Turm von Babel“ii schrieb er als Einleitung: „Physiker versprechen immer wieder, ein Theoriegebäude zu errichten, das die gesamte Welt erklärt. Dabei müsste jeder wissen, der die Disziplin zu seinem Beruf gemacht hat, dass sogar in längst errichteten Stockwerken teils gewaltige Risse klaffen.“ Ich überspringe seine mehrseitige sehr anschauliche Argumentation und komme zu seinem Fazit: “Noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts galt die Physik als empfangene Wahrheit – in ihr enthüllte Gott sein Antlitz. Einige Physiker mögen diese Vorstellung bewahren. Ich selbst sehe die Physik lieber als eine Sammlung von theoretischen Modellen. Sie beschreiben die Landschaft, sind aber nie die Landschaft selbst. Endgültige Antworten liegen darum schlicht außerhalb unserer Reichweite. Sicher sind die Physiker bei der Beschreibung der Natur weiter vorangekommen als die Vertreter anderer Wissenschaften. Mit Verständnis sollten sie dies aber nicht verwechseln.“

Danke, danke, danke, Herr Rothman.

Warum bedanke ich mich so überschwänglich bei ihm? Na ja, ich ahnte es schon lange, seit ich mich mit der Physik näher und tiefgründiger beschäftigte, dass die Leute sich da ab und an etwas vormachen. Es gab mir zu viele Variablen, zu viele Therme, zu viele Konstanten, die die Wissenschaftler in ihre Theorien einbauten, um ETWAS als endgültig richtig zu erklären. Genau das kritisiert auch Herr Rothmann, doch er darf das, er ist unter den Physikern ein anerkannter Fachmann. Ich nicht. Ich bin keine Physikerin, ich bin Journalistin auf Forschungsreise. Auf Erkenntnisreise. Ich bin Wissenschaftsjournalistin, wobei ich eine Idee von meinem Artikel hatte, der nun die Länge eines Buches erlangte und zu dem ich mir aus vielen Wissensgebieten meine Teilstückchen sammelte. Aus allen Zeiten und Ländern und Fachgebieten.

Erkenntnistheorie ist eine noch sehr junge Wissenschaft. Doch sie hat viele Mütter und Väter. Dazu gehören die Philosophie genauso wie die Neurologie, die Psychologie, die Soziologie, natürlich auch die Biologie und die Biochemie, die Biophysik. Es ist heute alles so sehr miteinander vernetzt. Wer kennt sich da schon in den ganzen Verwandtschaftsverhältnissen aus.

Die nächsten vielen Tage des Schreibens an diesem Werk beginnen.

i Krauss, Lawrence M.: „Ein Universum aus dem Nichts“, 1. Auflage, München, 2013

ii Rothman, Tony:  „Die Physik – ein baufälliger Turm von Babel“, Spektrum der Wissenschaft Spezial, Physik/Mathematik/Technik „Vom Higgs zur Quantengravitation“, 1/13, Seiten 77-81