Sprache nach traditioneller und heutiger Vorstellung

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Ich kenne die „Essenz der Sprache“, die zu suchen die Sprachforscher inzwischen aufgaben, weil sie sie einfach NICHT finden konnten. Ich kannte sie schon lange bevor ich wusste, dass es die Essenz der Sprache ist. Mit der schon erwähnten Methode, dass ich das Ur-Bild und Ur-Wort kenne und begreife, untersuchte und kommentierte ich auch den folgenden Text.

Was ist eigentlich Sprache?“i lautet der Titel eines zweiseitigen Essays des GEO-Redakteurs und Sprachwissenschaftlers Jürgen Broschart. In dieser Dichte der Darstellung fand ich selbstredend alles, was ich mir für meine fundamentale Ansicht zur Sprache von einem Fachmann vorstelle. Der Autor macht deutlich, dass es eine Abgrenzung der menschlichen Sprache zur Kommunikation geben muss, weil sie etwas anderes, sogar noch mehr sei als bloße Kommunikation. Da der Beitrag nicht lautete: Was ist Kommunikation, muss der Leser sich nun selbst denken, was Kommunikation ist. Jeder Mensch weiß ja, was das ist, oder? Sehr schön herausgearbeitet fand ich im Essay die anfängliche These, dass Sprache „ein Mittel [ist], um Einheit herzustellen über alles Trennende hinweg – so wie es die Liebe […] ist.“  

Essenz der Sprache abb27

Abbildung 27: Alles ist Sprache, die sich teilt in Sprecher und Gesprochenes, gründend im Bewusstsein.

 

Der Leser erfährt im Folgenden, dass dieser Gedanke von einem früheren Denker stammt, dem französischen Philosophen und Theologen Peter Abaelard, der aber die Einheit selbst NICHT in der menschlichen Sprache sieht. Danach sei jedes Teil der Welt einander zwar ähnlich, aber nicht dasselbe, nicht gleich, so dass die Sprache nur „die von der Natur getrennten Dinge vereint“. 

Als der Autor erklärt, warum Sprache nicht mit Kommunikation erklärt werden könne, entzieht er sich nach meiner Meinung selbst die Erkenntnis über die „Essenz der Sprache“, über die, wie der Autor berichtet, die Sprachwissenschaftler lange schon ergebnislos grübelten und grübeln. Danach wird das Kommunizieren von Pflanzen, Tieren, Genen, sogar die Körpersprache mittels Gestik und Mimik nicht als der Sprache zugehörig gesehen. Natürlich darf jede Wissenschaft ihre eigene Definition von einem zu untersuchenden Objekt mit entsprechender Einkreisung von dazugehörigen Teilen vornehmen.

Wenn sich die heutigen Sprachwissenschaftler darauf einigen, dass menschliche Sprache etwas völlig Eigenes sei, sind sie durchaus im Recht. Aber mit dieser Definition ist das Fundament, die Essenz der Sprache schwer zu finden. Denn im weiteren Essay-Text wäre das der Schlüssel für die Frage, die der Autor stellvertretend für die Sprachforscher stellt, „wieso jedes Kind jedes menschliche Idiom erwerben kann? […] Das ist wohl nur möglich, wenn alle Sprachen der Welt eine Gemeinsamkeit besitzen – die Sprache eben.“

Der Leser erfährt jetzt Gedankenspiele von Wissenschaftlern, die meinen, es gäbe im Kopf jedes Menschen eine Art „Universalgrammatik“, ein „Vorwissen“, „eine Art Handbuch der Sprachregeln“, dass Sprache etwas mit Gehirnstrukturen gemeinsam habe, weil die Neuronen des Gehirns in der Lage seien, „die Regeln des Sprachsystems aus nicht immer korrekten Äußerungen zu destillieren.“

Es wird weiter philosophiert über die Möglichkeit, dass menschliche Sprache in den Genen liegen könnte, was aber aus „biologischer Sicht unwahrscheinlich“ erscheine, weil die Genveränderung, auf den Menschen beschränkt eine zu „ungeheure komplexe Funktionslast“ trage.

So einigten sich die heutigen Sprachforscher darin, dass “das Wesen der Sprache […] in der […] Einheit zwischen einem willkürlich gewählten Symbol und dem Bezeichnenden“ liege. Weil eben nur Menschen willkürlich ein Symbol wählen könnten. Auch bei dieser feststehenden Definition gehen die Sprachphilosophen davon aus, dass jeder Mensch genau weiß, was ein Mensch ist. Der Leser dieser Zeilen weiß das doch, oder?

Kurz vor dem Schluss des Textes wird es noch viel menschlicher. Es geht jetzt um Kultur. Wobei in so einem kurzen Text vorausgesetzt wird, dass jeder Leser weiß, was Kultur ist. „Sprache ist […] deshalb so selten, weil sie gegen die Natur der Dinge verstößt, und deswegen kann sie nicht genetisch, sondern nur kulturell vermittelt werden.“ Ich gehe bei dieser Erkenntnis davon aus, dass jeder Mensch weiß, was ein Gen ist und was Genetik ist und wie ein Gen sich entwickelte. Und was Natur ist, weiß er auch. Oder?

Zum Ende des Essays erwartet der Leser eine Zusammenfassung, eine Art Erleuchtung zur Thematik, die er natürlich auch bekommt: Weil der Mensch Symbole erfinden könne, sei er in der Lage über die Symbolkommunikation das Trennende zu vereinen. Wie die Liebe eben.

Und jeder Mensch weiß doch, was Liebe ist. 

In diesem Essay finde ich eben alles, was ich finden wollte. Die Aussage, dass der Erkenner und das Erkannte eine Einheit sind, dass Sprache eine Basis besitzt, die von den Forschern nicht erkannt wird und das sie in ihrer Wirkung zugleich trennt und verbindet. Damit ist das Rätsel eigentlich kein Rätsel mehr. Abb.27

Der Baum der Sprache

So, jetzt wird es erst richtig spannend. Bisher ging es darum, ein paar Begriffe zu definieren, ein paar Geschichten zu erzählen, ein paar Verbindungen zwischen verschiedenen Begriffen aufzuzeigen. Das Gehirn sollte damit warm laufen für weitere Erkenntnis. Es geht hier im wahrsten Sinne um ALLES.

Merksatz: Alles was ist, ist Sprache.   

Bisher sprach ich von Geist und Materie, von Glaube und Wissen, von göttlichen und Naturkräften. Ich sprach von Worten und Begriffen, von Gedanken und Erkenntnissen. Ich sprach von Chaos und Ordnung. Ich sprach von Kräften und von Bewusstsein. Ich erklärte, was ein Fraktal und was Hierarchie ist. Alle diese Begriffe sind im selben Fundament begründet. 

Die Sprache ist ein Fraktal, hierarchisch strukturiert. Die menschliche Sprache mit ihren Worten und Begriffen stellt in dieser hierarchischen Ordnung in etwa das dar, was in einer Armee die Offiziere und Soldaten sind oder in einem Volk die interagierenden Bürger. Sie besteht zunächst aus vielen Worten, vielen Begriffen. Allein die deutsche Sprache besitzt heute etwa 500.000 Worte. Als ich jung war – so vor 50 Jahren –  hieß es, das Wissen verdoppele sich alle sieben Jahre. Heute verdoppelt es sich schon in kürzeren Abständen. Es gibt so viel Wissen auf der Welt in Form von neuen Begriffen, dass ein Mensch das alles weder erfassen noch überblicken kann. Schon in einem winzigen Fachgebiet, wie es zum Beispiel die Optik ist, gibt es viele Unterbereiche und Unterunterbereiche, die mit ihren Fachbegriffen jeweils nur noch von Spezialisten des Fachgebietes begriffen werden. Dabei ist die Optik auch nur ein untergeordnetes Fachgebiet der Physik.

Vor 400 Jahren umfasste der deutsche Wortschatz um die 30.000 Wörter.

Vor 4.000 Jahren gab es das, was wir heute Wörter nennen, gar nicht. Ja, es gab Wörter, aber ihr Inhalt, das, was die Menschen damit ausdrückten, war gewichtiger als das, was der Mensch heute mit Wörtern ausdrückt. Frühere Menschen hatten eine bildhaftere Sprache, erkennbar an der bildhaften Schrift der Ur-Völker. Damals benutzen die Menschen weniger Worte, sie dachten weniger differenziert. Sie dachten in etwa in den Begriffen, die wir heute als Oberbegriffe bezeichnen. 

Das Wort Baum stand in seiner Bedeutung für alle Bäume. Es gab noch keine Unterteilung in einzelne Arten und Klassen wie Kiefer, Eiche, Palme oder Zedern. Diese Unterteilungen kamen erst mit der weiteren Erkenntnis, der weiteren Forschung im Laufe der Zeit. Noch weiter zuvor gab es nicht einmal einen Begriff für die Klasse der Bäume. Es gab nur einen Begriff, der alle Pflanzen umschloss und einbezog. Dieser Begriff meinte dann auch nicht nur Pflanzen, sondern lebendiges Wachsen an sich, sich Entfalten, das Prinzip der Differenzierung allgemein. Dem mythologischen Baum der Urvölker galt kein „wirklicher“ Baum als Vorbild, er war der Inbegriff des Differenzierungsprozesses allen Daseins. Das biblische Bild von Adam und Eva, die die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen, bedeutet, dass sie aus dem Glauben, eins mit allem zu sein,   heraustraten und zu Wissenden und Fragenden, zu Zweiflern, wurden. Das war die Ur-Sünde, der Abfall vom Glauben. Zumindest für die Kirchenmächtigen, die lieber dumme Schafe um sich scharren und den Zehnten verprassen wollen.

Man kann sich die Sprache der Ur-Völker in etwa wie die Sprache eines heutigen Kleinkindes vorstellen, wo alle Vierbeiner „Wauwau“ heißen. Das Wort Da-Sein entstammt der Kindersprache. Wer hat nicht schon einmal überlegen gelächelt, wenn das süße kleine Wesen auf alles in der Welt mit dem Finger zeigt und lauthals „da, da, da“ ruft. Doch genau das ist der evolutionäre Moment, wo das Kind sich selbst erkennend von seiner Umwelt trennt. „Da“ ist bei einem Kind der allumfassende Begriff für ALLES um sich herum. Da-Sein im Gegensatz zum Ich, zum Selbst-Sein. Das ist die selbstbewusste Ur-Teilung. Die ersten Höhlenmalereien vor 30.000 Jahren waren Erkenntnisbilder, wo das menschliche Ich seine Umwelt auf menschliche Art zu begreifen begann und Begriffe vom Jagen malte. Noch weiter zurück in der Geschichte der Menschheit, ganz zu den affenähnlichen Anfängen, war der Wortschatz auf wenige Artikulierungen in unterschiedlichen Tonhöhen und Lautstärken begrenzt. Dazu kamen Mimik und Gestik, so klappte die Verständigung auf einfachste Art. Bei Tieren ist das ganz genauso. Tiere sprechen mit Aussehen, Bewegung, Mimik, Tönen, ihre „Worte“ sind einfachster Natur, wenig differenziert, umfassen aber trotzdem ihr gesamtes bewegtes Leben.

Kommunikationspyramide abb28

Abbildung 28: Die menschlich-verbale Sprache ist nur die Spitze eines komplexen Kommunikations-Berges.

 

In der Kommunikationswissenschaft kennt man die Kommunikationspyramide. Abb.28 Dabei handelt es sich um einen inhaltlich gewichtigen hierarchischen Aufbau. Das größte Gewicht, die innere Kraft, ist in der nonverbalen Kommunikation begründet. Alles, was wir mit unseren Sinnesorganen wie Augen und Ohren, Nase, Zunge und Haut wahrnehmen in unserer Umwelt ist nonverbale Kommunikation. Ein Geruch „sagt“ uns etwas. Ein hoher Ton „spricht“ zu uns anders als ein niedriger Ton. Unser Begreifen ist nicht an ein gesprochenes Wort gebunden. Begriffe sind viel älter als Worte. Begriffe sind noch nicht einmal an die menschliche Existenz gebunden. Auch ein Tier begreift Umweltreize. Eine Pflanze ebenso wie ein Schimmelpilz oder eine Amöbe. Jede Form von Umweltreiz ist Sprache. Sehen wir uns die Begriffe Umwelt und Reiz an. Umwelt ist das, was um eine Innenwelt herum ist. Egal, was diese Innenwelt ist. Das kann eine Pflanze sein, aber auch ein Stein. Ein starker Umweltreiz ist zum Beispiel der sehr hohe Druck in einem Berg, wo in dessen Gesteinsgemisch über viele Jahre hinweg aus einfachem Grafit ein Diamant entsteht als „Antwort“-Reaktion auf den Druck des Berges.

Die heutigen Sprachwissenschaftler greifen viel zu kurz, wenn sie nach der Ursprache suchen. Sie suchen EINE menschliche Ur-Sprache. Sie fanden sehr wohl schon heraus, dass die vielen heutigen Sprachen der Menschen sich wie Zweige an einem Baum aus Vorsprachen differenzierten. Logisch sieht alles so aus, als gäbe es die EINE Ursprache der Menschen. Aber trotz intensivster Suche ist diese Ur-Sprache nicht zu finden.

Die Sprachwissenschaftler erforschen dasselbe Problem wie die Physiker, die herausfanden, dass sich alle bis heute gefundenen Kräfte ganz offensichtlich aus einer einzigen Urkraft heraus differenzieren müssten, aber trotz intensivster Suche diese Ur-Kraft nicht finden. Zufälliger Weise erforschen auch die Gehirnwissenschaftler ein ähnliches Problem. Sie erkennen zwar noch nicht, dass sich das Gehirn hierarchisch wie ein Baum strukturiert, doch sie wissen schon so viel über das Denken und die Kräfte, die das Gehirn bewegen. Und obwohl sie NICHT wissen, wie ein Gehirn aufgebaut ist, bauen sie schon ein Gehirn nach. Damit beginnen sie, sich ein Bild zu machen. Wie bei jeder Wissenschaft wird auch dieses noch etwas unstrukturierte Anfangsbild bald eine Vervollkommnung erreichen. Der Preis beträgt zurzeit eine Milliarde Euro. Der kann sich aber schnell verdoppeln und verdreifachen, wenn erst einmal mit dem Bau begonnen wird.

Unser heutiges Wissen in Form von Erkenntnissen, Worten und Begriffen ist riesengroß. Nur der ganz allgemeine Überblick entzieht sich den forschenden Blicken der Suchenden. Dieser Überblick wird auch Big Picture, Weltformel oder Theorie von Allem genannt. Die Sucher starren auf das Netz der Begriffe und Bilder – und sehen immer nur NICHTS. Aber NICHTS kann doch das Big Picture nicht sein??!! Oder?

Auch wenn alle menschlichen Sprachen sich wie Zweige an einem Baum verhalten und scheinbar zu EINER Ur-Sprache hinführen, ist diese nicht in der menschlich-verbalen Sprache zu finden. Alle verbalen Sprachen münden in der nonverbalen Sprache und HIER entdecken wir auf einmal eine weltumspannende Einheitlichkeit. Jeder Tourist weiß, dass er sich mit Mimik und Gestik sehr gut auf der ganzen Welt mit allen Menschen verständigen kann. Vorausgesetzt, er will nur über grundlegende Basisbedürfnisse kommunizieren. Wissenschaftliche Abhandlungen lassen sich darüber nicht bewerkstelligen. Die nonverbale Sprache ist universeller und liefert die Basis für die verbale Sprache.

Erinnern wir uns, ich sprach weiter oben davon, dass Kommunikation – Teilen und Verbinden mittels Sprache – aus Form und Inhalt besteht. Dabei gibt es zwischen beiden Qualitäten eine Wechselseitigkeit. Die Form bestimmt den Inhalt, der Inhalt bestimmt die Form. INNEN und AUSSEN sind die polaren Ur-Teile. Die kommunikative Beziehung der einzelnen Daseinsform zu seiner Umwelt bestimmt seine Erscheinungsform. Wobei die Erscheinungs- und Bewegungsform des Einzelnen die Umwelt prägt. Alles ist schließlich Umwelt für das Einzelne. Die materielle Gestalt jeder einzelnen Erscheinungsform ist Sprache, somit gehören ein Atom und ein Quarks, eine Blume und ein Schmetterling, eine Wolke und eine Galaxie zur universellen Sprache.

Dieses Wissen ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Leider oder zum Glück. Leider aus dem Grunde, weil sich jeder Mensch gern mit etwas eigenem Schönem schmückt. Zum Glück sage ich, weil ich mich allein zu schwach fühlte, um dem Widerstand der modernen Wissenschaftsgemeinde zu trotzen, die meiner allesumfassenden allgemeinen trivialen Interpretation von Sprache ihr gesammeltes Vielwissen entgegensetzen. Zum Glück muss ich mich ganz und gar nicht schwach fühlen, denn ich arbeite mit unendlich starken Kräften, die mir – aus der Urzeit kommend – heute beistehen.

Die Sumerer wussten schon von der Hierarchie der Sprache. Sie hatten noch nicht so viele Wörter und Begriffe wie wir heute, doch das inhaltliche Wissen war genau dasselbe. Mit ihrem großbildlichen Denken erfassten sie noch den Gesamtzusammenhang und stellten diesen mit ihrem damaligen Ausdrucksvermögen bildhaft dar. Sprache und Weltenschöpfung waren für sie eine Einheit. Dabei ging es ihnen auch nicht um die menschliche Sprache allein. ALLES war Sprache, ALLES bewegte und interagierte nach EINEM Prinzip, dem Baumprinzip, der Hierarchie. Das Wort „Sprache“ (in der jeweiligen menschlichen Sprache hat dieses Wort einen anderen Ausdruck) umfasste beim Urvolk Sumerer inhaltlich ALLES DASEIN inklusive ALLER SCHÖPFERISCHEN BEWEGUNG. Der Begriff „Sprache“ stand ganz allgemein für das göttliche Schöpferprinzip, das innere Wirken an sich.

Schildkröte abb29

Abbildung 29: Komprimiertestes Weltwissen in einem Bild – in heutige Begriffe gefasst füllt es riesige Bibliotheken.

 

Eines der Ur-Bilder, wie sich die Menschen die Welt als Schöpfungsprinzip vorstellten, ist die Schildkröte, auf deren Rücken vier Elefanten stehen, die auf ihrem Rücken wiederum die irdische Welt auf einer runden Scheibe tragen. Wenn man weiß, dass dieses Gebilde eine hierarchische Struktur meint, wenn man weiß, dass die alten Völker in Bildern dachten, wenn man weiß, dass sie die Schildkröte für heilig hielten als Symbol für Weisheit und Beständigkeit, wenn man weiß, dass Elefanten ebenfalls heilige Tiere sind, die als Symbol für Festigkeit, Zuverlässigkeit und Glück dienen, dass eine Scheibe für Rundheit und Geschlossenheit steht, dann bekommt dieses Gebilde eine ganze andere begriffliche Bedeutung. Abb.29 Anders als wenn man nur eine biologische Schildkröte sieht, die biologische Elefanten trägt, die auf einer physikalischen Scheibe eine physikalische Welt tragen. Mit der quantitativen Zunahme an Wörtern und Begriffen nahm im Laufe der Zeit die innere Qualität ihrer Bedeutung proportional ab. Die Menschen haben heute viele Weltbilder. Die zunehmende Individualisierung führt dazu, dass scheinbar jeder Mensch sein eigenes, individuelles Weltbild besitzt und vertritt.

Auch der Genesis-Satz der Bibel ist ein hierarchisches Symbol-Gebilde: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ Dieses „Wort“ ist eine Übersetzung aus dem Lateinischen, wo es Logos heißt. Und das Wort Logos ist eine Übersetzung aus dem althebräischen, wo es dabar heißt, wo sein Inhalt aber eben genau das bedeutet: Alle wirkende Kraft, alle Schöpferkraft. Ganz früher, als es noch keine Schrift in dem heutigen Sinne gab, verständigte man sich mittels Bildern. Und eines der heiligsten Bilder war das Bild des Baumes, der weltumspannend das Prinzip der Schöpferkraft darstellt.

Das Fundament, die Wurzel dieses Symbol-Baumes ist NICHT zu erkennen, es ist in meiner Ausdrucksweise das Bewusstsein, aus dem sich das Dasein entwickelt in Form von Erkenner und Erkanntem. Unsere Fähigkeit des Glaubens ist die tiefste Verbindung zu diesem nichtseienden unerkennbaren Urgrund, der ALLES in sich eint. Der Glaube an einen Gott, an eine wirkende Kraft, ist somit legitim in seiner umfassenden Bildhaftigkeit. Er ist sehr wohl primitiv – was “einfach” heißt. Doch wussten die ersten Menschen damals schon, dass diese wirkende Kraft zu gleichen Teilen INNEN und AUSSEN vorhanden ist und sich gegenseitig beeinflusst. Das heißt, an einen Gott außerhalb des Menschen zu glauben, wie es heute gelehrt wird, bedeutet nur an die Hälfte der schöpferischen Kraft zu glauben. Die andere Hälfte der Schöpferkraft steckt in jedem Menschen selbst. Der Mensch muss keine hohen Türme bauen, um auf Augenhöhe mit „Gott“ zu stehen. Es reicht, wenn er in den Spiegel schaut. 

So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein“,ii lautet ein Spruch Jesu Christi im Neuen Testament. Er sagte nicht: Und hättest du Glauben an Gott. Vielmehr lehrte er die Menschen sehr klar und deutlich, dass Gott, die Ur-Schöpferkraft, in jedem steckt. Er sagte seinen Zuhörern, dass er der Sohn Gottes sein, dass Gott in jedem sei und dass der reine Glaube eine innere Kraft sei, die auf äußere Erscheinungen Einfluss nehmen kann. Er sprach zu den Menschen in den einfachen Wort-Bildern, die sie verstehen konnten.

Das Innen und das Außen sind fraktal-hierarchisch gleich aufgebaut, nur polar gegensätzlich gespiegelt. Das Fundament dieses zweigeteilten Aufbaus ist das Bewusstsein. Die menschliche Wortauswahl für diese Basis ist heute vielfältig, wobei inhaltlich doch ziemlich dasselbe gemeint ist. Weltenseele ist zum Beispiel ein Synonym. Jede Erscheinungsform in unserer universellen Welt besitzt Bewusstsein und Seele – ist Teil der Weltenseele, des fundamentalen Bewusstseins.

Ich erwähnte schon die Sieben Freien Künste, die im Leben unserer gebildeten Vorfahren eine  fundamentale Rolle spielten. „Die Sieben Freien Künste (lateinisch septem artes liberales, seltener auch studia liberalia) sind ein in der Antike entstandener Kanon von sieben Studienfächern. Aus den Freien Künsten bestand traditionell die einem freien Mann ziemende Bildung, ihre Siebenzahl ist aber erst in der Spätantike bezeugt. Im mittelalterlichen Lehrwesen galten sie als Vorbereitung auf die Studienfächer Theologie, Jurisprudenz und Medizin.“ 20

sieben Künste abb30

Abbildung 30: Die Beherrschung der Sieben Freien Künste war noch bis über das Mittelalter hinaus Pflicht, um als gebildet zu gelten.

 

Schon im alten Ägypten und bei den Sumerern gab es vor mehreren tausend Jahren die bildliche Vorstellung von der Schöpfungs-Sieben. Im Mittelalter erlebte sie eine Blütezeit. In der Mitte des mittelalterlichen Bildes sitzt die Dame Philosophia (Freundin der Weisheit), ihr zu Füßen befinden sich die beiden griechischen Philosophen Sokrates und Platon. Um diese Dreiheit  drapieren sich die sieben Bildungsfächer in gleichem Rang in Kreisform gleichwertig wie an einem runden Tisch der Diplomaten. Abb.30

Ich spekuliere jetzt einmal, dass in der ursprünglichen vormittelalterlichen Auffassung über das Wissen, die Sprache und die Schöpfung der Kreis noch etwas anders aussah. Ganz in der Mitte sitzt die Ursprüngliche, die Göttin Philo-Logos oder auch regina artis, die Königin der freien Künste. Sie steht als Symbol-Bild für das Mögliche, was zum Ausdruck gebracht werden kann. Sie ist noch nicht selbst da, aber die Begründerin dessen, was Da-Sein kann. Abb.31

Diese umfassende Gewichtigkeit verlor die Königin im Laufe der Zeit. Aus der allumfassenden Schöpferkraft wurde die menschliche Sprachkraft, Rhetorik genannt. Wobei die Griechen noch sehr viel von Rhetorik hielten. Aus der Ur-Göttin  differenzierten sich die gleichwertigen Künste, die Grammatik und die Dialektik. Diese beiden Begriffe bedeuteten zu damaliger Zeit vor tausenden von Jahren viel mehr – Bedeutenderes, Gewichtigeres als heute – hierarchisch-schöpferisch betrachtet. Grammatik steht für allgemeine Form und Struktur, Eigenschaften, die man der Materie zuschreibt. Dialektik als inhaltliche Schlussfolgerung, demnach eine geistige Eigenschaft. Diese Dreiheit bildet unterste Basis für alles, was entsteht.

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Abbildung 31: Allgemeinbildung hatte früher eine wesentlich fundamentalere Bedeutung als heute.

 

Was die Altvorderen damals genau dachten, ist heute gar nicht nachvollziehbar, weil uns das ganzheitliche Denken weitestgehend abhanden gekommen ist. Die Rhetorik wird heute als eine Methode beschrieben, die Wissen und Erkennen in einer bestimmten Form zum Ausdruck bringt, damit andere davon einen Eindruck erhalten. Damit wird ein Inhalts-Geist in eine Materie-Form gedrückt. Ein heutiger Begriff dafür ist auch Information. Gekonnte Rhetorik erweckt ganz bestimmte Eindrücke bei den Zuhörern, was heute in der Kommunikationswissenschaft, in der Werbung, bei Medienmenschen und Politikern eine große Rolle spielt. Die Grammatik bezieht sich heute nur noch auf die menschliche Sprache und bedeutet das Sammeln und Sortieren von Informationen zu einem schlüssigen Gesamtbild. Unsere Ahnen meinten damit ganz allgemein die Struktur des Daseins, die aus Einzelteilen besteht. Die Dialektik/Logik ist heute ebenfalls noch eine Methode, mittels derer der Mensch aus dem gesammelten Wissen einen sinnreichen Zusammenhang darstellt. Unsere Ahnen meinten mit diesen Begriffen einen erkannten sinnvollen Zusammenhang des gesamten Daseins.

Diese ersten drei allgemeinen Künste ermöglichen es dem Menschen, ein Bild zu erschaffen, kreativ zu sein. Der Künstler schöpft aus dem unerschöpflichen Urgrund und erschafft etwas Sinnvolles. Diese drei Künste waren als Dreiweg bzw. als die trivialen Wissenschaften bekannt. Sie ermöglichen das Dasein und ermöglichen es dem Menschen, das Dasein zu erkennen.

Der Titelbegriff für dieses Buch „trivial“ wird im heutigen Sprachgebrauch meist nur in seiner negativen, abschätzig gemeinten Bedeutung verwendet wie töricht, kindisch, banal. Doch er hat eine leider vergessene positive Bedeutung, nämlich „etwas, das ohne Erklärung verstanden werden kann, selbsterklärend, verständlich“iii. Der Begriff trivial kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Dreiweg (tri=drei via=Weg). Während trivial „das ganze Einfache“ bedeutet, ist sein Gegenwort „das Komplexe“.  Der Dreiweg aus den Sieben Freien Künsten ist dieses ganz Einfache, Zugrundeliegende, aus dem sich dann die Komplexität und der Detailreichtum sowohl des Wissens, der Erkenntnis als auch des Daseins differenziert. Der Titel dieses Buches „Das triviale Fundament“ ist im Sinne meiner Theorie eine Tautologie, ein Doppelung derselben Bedeutung, etwa wie weißer Schimmel oder gelber Zitronenfalter.

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Abbildung 32: Entscheidung hat immer mit Differenzierung und Trennung zu tun.

 

Der sogenannte Vierweg, der sich aus dem Dreiweg differenziert, wird als der Ursprung  der Mathematik verstanden. Aus der Ur-Allgemein-Sprache entwickelte sich nach dem grundlegenden Sammeln und sinnvollen Sortieren von Erkanntem die Strenge der strukturellen Vorgabe. Der Mensch kennt das als Entscheidung in die eine oder andere Richtung. Es geht um Ja oder Nein, richtig oder falsch, gut oder böse, schwarz oder weiß. Jede Entscheidung führt zwangsläufig zu neuen Begriffen. So wächst der Baum der Sprache und so wächst das materielle Gehirn. Aus der großen Qualität differenzierten sich immer mehr Quantitäten. Das stellt sich in der heutigen Mathematik zumeist als reine Rechnerei mit inhaltslosen Zahlen und in der menschlichen Kommunikation als sinnloses Geplapper und Gequassel per Handy und Internet dar.

Mathematik war in der Vorzeit nicht nur auf leere Zahlen und rein quantitative Berechnungen konzentriert wie heute. Der Begriff Mathematik stammt vom griechischen mathema, das bedeutet das Gelernte, die Kenntnis, das Begriffene. Um einen der ersten großartigen griechischen Allgemeinwissenschaftler Pythagoras, ca. 600 v. Chr., bildete sich ein Zirkel von Menschen, die auf der Suche nach der in allem steckenden Wahrheit und Ursache waren. Sie nannten sich  mathematikoi und entdeckten, dass um sie herum alle Gebilde und Erscheinungen einem Rhythmus unterliegen. Pythagoras prägte die Lehre: „Alles ist Zahl“.iv

So ist es kein Wunder, dass das Rechnen mit Zahlen und die Musik lange Jahrtausende gleichrangige Wertung im Leben der Menschen erhielt. Der Vierweg, auch Quadrivium genannt, „ist die zweite Hälfte der 7 freien Künste. Es besteht aus den Elementen: Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie. Das Quadrivium behandelt im Wesentlichen Themen rund um Zahlen und deren Bezug zu Zeit und Raum.

Arithmetik: Zahlen – als solches ist eine Zahl eine reine Abstraktion außerhalb von Raum und Zeit. Dieser Aspekt des Quadriviums setzt sich mit den unterschiedlichen Eigenschaften jeder Zahl auseinander.

Geometrie: Zahlen im Raum – bestimmte geometrische Formen können eine tiefere Bedeutung haben. Dieser Aspekt bezieht sich auf Symbolik und wird häufig im Bereich der Architektur eingesetzt.

Musik: Zahlen in der Zeit – behandelt Musik im allgemeinen und speziell das Thema der natürlichen Harmonie

Astronomie: Zahlen in Raum und Zeit – behandelt die Bewegung der Planeten im Raum sowie die natürliche Harmonie zwischen den Planeten, wenn man den zeitlichen Aspekt betrachtet (Harmonie der Sphären). Dies ist das erste Mal, wo die Aspekte Raum und Zeit gemeinsam auf die Abstraktion der Zahlen treffen, somit bildet dies das Fundament der Wissenschaft.“v

Umfangreiche bildliche Darstellungen der fundamentalen Sieben als Basis für alle Wissensgebiete findet man in meinem Buch „Warum? Darum! – Kleine bebilderte Nachdenklichkeit über Alles und Nichts“vi.

Heutzutage wird das Rechnen mit leblosen Zahlen viel zu wichtig genommen. Mag sein, dass es Spaß macht, doch am Baum der Schöpfung erscheint die moderne Mathematik wie ein Gebilde, dass einem körperlichen Krebswachstum sehr ähnlich ist. Ein sinnentfremdetes wucherndes Gewächs, das für das Gesamtbild des menschlichen organischen Systems tödlich wirkt. Denken wir nur an die irrsinnigen Ausgaben für den sogenannten technischen Fortschritt, der die wahren Probleme der Gesamtmenschheit nicht lösen kann. 

i Broschart, Jürgen: „Was ist eigentlich Sprache?“ Zeitschrift GEO Wissen „Das Geheimnis der Sprache“, Ausgabe 40, 2007, S. 32-33

 

ii Bibel online: Glaube, Senfkorn, Version 5.9.2013, 11.57 Uhr,

http://bibel-online.net/suche/?qs=glaube+so+gro%C3%9F+wie+ein+senfkorn&translation=6

 

iii Wiktionary: trivial, Version 5.9.2013, 12.36 Uhr

http://de.wiktionary.org/w/index.php?title=trivial&oldid=3104466

 

iv TU Freiberg online: mathematikoi, Version 5.9.2013, 12.49 Uhr,

http://www.mathe.tu-freiberg.de/~hebisch/cafe/pythagoraeer.html

 

vi Baranovskyy, Uta: „Warum? Darum! – Kleine bebilderte Nachdenklichkeit über Alles und Nichts“, Berlin, 2012, im Internet bei Amazon als E-Book

 

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