Die Sprache Gottes – unser erkennbares Spiegelbild

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Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ So kennen viele Menschen den Genesis-Satz aus dem Alten Testament.

Jeder Mensch mit ein wenig Schulbildung weiß, was ein Wort ist. Ein Gebilde aus Buchstaben, das man sowohl sprechen als auch schreiben kann, das eine innere Bedeutung besitzt, auf die sich die Menschen einigten. Ich betone EINE. Manchmal, wie bei den Wörtern Leiter oder Hahn auch mal zwei. EIN Wort steht für EIN Gebilde aus der realen Wirklichkeit. Huhn steht für Huhn, Lampe steht für Lampe, Mensch steht für Mensch. Natürlich ist dieses Wort Huhn auch ein Oberbegriff für die Ansammlung von Federn, Knochen, Fleisch und Schnabel, so wie das Wort Lampe als Oberbegriff für Leuchtmittel, Schalter, Leitungen, Fassungen steht. Trotzdem ist der Inhalt der heutigen Worte sehr begrenzt. Es ist heute sogar so, dass viele Worte und Begriffe für eine Sache stehen. Diese eine Sache erhielt durch Erkenntniszuwachs eine immer weitere Differenzierung, so dass eine Vielzahl von Begriffen notwendig wurden, um alle Nuancen der einen Sache für sich eigenständig genommen darzustellen. Ein Baum ist ein Baum, sicher. Aber differenziert betrachtet gibt es Laubbäume und Nadelbäume. Laubbäume werden u.a. klassifiziert in Obstbäume und Waldbäume. Waldbaumarten sind Eichen und Ahorn. Vom Ahorn gibt es etwa 200 Arten. Kein Wunder also, das sich die Wörter und Begriffe vermehrten. Vor tausenden Jahren war der Wortschatz quantitativ sehr klein, aber vom inneren Wert her hatte er dasselbe Gewicht wie alle heutigen Wörter zusammen genommen.

Huhn Lampe Mensch abb42

Abbildung 42: Ein Wort steht für ein Gebilde.

 

Das griechische Wort Logos hat nicht nur EINE Inhaltlichkeit und auch nicht nur ZWEI. Er besitzt einen außerordentlichen weiten Bedeutungsspielraum, steht auch als Bedeutung für die Rede und den Sinn, für das geistige Vermögen bis hin zum Gesamtsinn der Wirklichkeit gelten kann. „Der Ausdruck Λόγοςlógos bezeichnet in der Altgriechischen Sprache die (geschriebene) Rede im Sinne ihrer materiellen Basis aus Buchstaben, Wörtern, Syntagmen und Sätzen, in der griechischen Rhetorik die (gesprochene) Rede auch im Sinne ihres Aussagegehalts. Ein einschlägiges Wörterbuch bietet u. a. folgende Übersetzungen an: „Sprechen, mündliche Mitteilung, Wort, Rede, Erzählung, Nachricht, Gerücht, (grammatikalischer) Satz, Ausspruch Gottes (NT), Befehl (NT), Weissagung (NT), Lehre (NT), Erlaubnis zum Reden, Beredsamkeit, aufgestellter Satz, Behauptung, Lehrsatz, Definition, Begriffsbestimmung, wovon die Rede ist, Sache, Gegenstand, das Berechnen, Rechenschaft, Rechnung, Rücksicht, Wertschätzung, Verhältnis, Vernunft. […] Aristoteles verwendet logos u. a. im Sinne von Definition. Die Stoa sieht dann im Logos ein Vernunftprinzip des geordneten Kosmos, einen ruhenden Ursprung, aus dem alle Tätigkeit hervorgeht. Als logosspermatikos (Vernunftkeim) sei der Logos in jedem (insb. beseelten bzw. vernunftbegabten) Wesen anzutreffen. Cicero spricht u.a. von mensmundi (Weltgeist) bei seiner Beschreibung der stoischen Auffassung.“i Logos bedeutet auch Idee, eine innere Vorstellung von etwas, was äußerlich da sein könnte.

Logos für alle Gebilde abb43

Abbildung 43: Das Wort Logos steht auch für ein Gebilde, für ein allumfassendes, für die gesamte Welt und den Schöpfungsprozess gleichermaßen.

 

Die Griechen übersetzten die Bibel, die die Hebräer vor tausenden Jahren niederschrieben. Das noch ältere Hebräisch gab ihren Buchstabengebilden noch mächtigere, bildgewaltigere inhaltliche Bedeutung. Der Begriff „Logos“ ist die Übersetzung des hebräischen Begriffes „dabar“ oder aramäisch „dawar“. Dabar steht für „das Wirkende“, steht dabei sowohl für Wirkung als auch für die Sache, die bewirkt wird.ii

Man kann deshalb den biblischen Genesissatz auch so sagen: Den Anfang bildete die Wirkungskraft, die das Dasein bewirkte. Dazu kann man dann auch SPRACHE sagen, die Kraft, die bewirkt, was da ist, die sowohl teilt als auch verbindet. Die Physiker sagen Energie und meinen fast dasselbe.

Das, was die Sprachwissenschaftler heute die menschliche verbale – mündliche und schriftliche – Sprache nennen, ist sehr wohl eine eigenständige Einheit mit ihr innewohnenden individuell vom Grunzen der Schweine und dem Blätterrauschen der Bäume zu unterscheidenden Eigenschaften. Doch diese Einheit ist eine differenzierte Untereinheit der Gesamtsprache, zu der die Begriffe Kommunikation und Kommunion ebenfalls als Teile gehören. Bei der Kommunikation handelt es sich um einen naturwissenschaftlichen Begriff und bedeutet Austausch von Zeichen zum Zwecke der Verständigung und Verbindung – so auch zur Erhaltung der Art und der Existenz. Bei der Kommunion handelt es sich um einen religiösen Begriff und bedeutet die Verbindung des Menschen zu Gott. In ihrem Fundament bedeuten beide Begriffe dasselbe.

Der Sprach-Baum der Physik und der Sprach-Baum der Religion

Seit Menschengedenken wird gezankt, gestritten, werden Kriege geführt wegen scheinbar unüberbrückbarer Differenzen. Zum einen geht es um Beute, zum anderen darum, wer Recht hat. Richtig und Falsch, Gut und Böse sind dabei die fundamentalen Argumente in der Differenz der polaren Weltansicht.

Da nehmen sich der Kampf um Glaube und Wissen nicht aus. Durch den sündigen Abfall vom Glauben auf der Suche nach dem Warum und Wie entstand im Laufe der Zeit seit Adam und Eva ein riesiger Wissensberg. Doch Weisheit erlangten die Menschheit ganz offensichtlich noch nicht, trotz allen Wissens, das inzwischen angesammelt ist. Denn bisher ist die philosophische Grundfrage „Was war zuerst da -  Geist oder Materie?“unbeantwortet.

Unendlichkeitsacht ohne Circumpunkt abb44

Abbildung 44: Sog und Druck bedingen einander, stehen sich als Gegensätze gegenüber und sind spannungsgeladen verbunden.

 

Der Baum der Physik und der Baum der Religion entstammen aus demselben Fundament. Ich  stimme mit der indisch-religiösen Ansicht überein: Aus dem Nichts-Sein entsteht das Da-Sein, das differenziert ist in sowohl das Persönliche als auch das Unpersönliche, je nach Standpunkt, geteilt in die Polarität der Gegen-Kräfte, die ALLES zu bilden und zu zerstören, auszulöschen imstande sind. Physikalisch betrachtet, könnte man statt Geist auch Druck und Strahlung sagen, statt Materie auch Stoff und Sog bzw. Gravitation. In der Ur-Religion heißt die undifferenzierte Kraft unerkennbarer Gott und die messbare und erkennbare Struktur Welt. Wobei die modernen Religionen dieses Ur-Gott-Bild im Laufe der Zeit grundlegend veränderten und verschleierten, um ihre Macht zu verstärken und die Macht der Gläubigen zu verringern.

Die inneren Kräfte sind den äußeren Umweltkräften gleichwertig und gleichstark. Der Mensch ist somit nicht Gottes Ebenbild im Anschein, er ist in seiner zeiträumlich gebildeten Tiefe kraftvolle Schöpfung und kraftvoller Schöpfer zugleich. Die Menschheit steht global gesehen heute an der Schwelle zu einem grandiosen Entwicklungssprung. Viele Menschen erahnen oder wissen es schon. Erkennt und begreift der Mensch sich selbst bewusst als der ursächliche Schöpfer SEINER Welt, steht ihm eine neue Menschheitsepoche bevor.

Was ist der fundamentale Streitpunkt von Naturwissenschaftlern und Religionsvertretern? Die Naturwissenschaftler sagen, die Welt sei für den Menschen erkennbar, bestehe aus Materie und mechanischen, unpersönlichen Kräften und alle Probleme seien mathematisch und technisch lösbar. Die Religionsvertreter sagen, alles Dasein sei göttlicher Natur und ein persönlicher guter, gütiger Gott sei nicht erkennbar und schon gar nicht vom Menschen beherrschbar, vielmehr müsse der sich vor dem Teufel und den Sünden hüten und dem lieben Gott vertrauen.

Glaube-Wissens-Baum abb45

Abbildung 45: Der Streit um Glaube oder Erkennen und Wissen ist nicht so sehr ein inhaltlicher, sondern eher ein begrifflicher.

 

Diese beiden Ansichten bilden scheinbar einen absolut unversöhnlichen Gegensatz,  der gerade nach heftigsten Diskussionen schreit, wenn nicht gar nach Mord und Totschlag. Aber nur solange, wie man GLAUBT, dass die Welt nur die eine ODER die andere Eigenschaft besitze. Beide Parteien streiten um Glaubensangelegenheiten, denn weder die Religionsvertreter noch die Naturwissenschaftler können einen endgültigen Beweis für ihre Theorie anbringen. Die Naturwissenschaft bewies im Laufe der Jahrhunderte schon, dass von dieser Welt scheinbar einiges erkennbar ist mittels erkennendem Geist und dass vieles beherrschbar ist mittels Mathematik und Technik. Doch solange die Wissenschaft nicht den Anfang und das Ende der deterministischen Beweiskette vorlegen kann, solange können die Religionsvertreter weiter triumphieren: „Ätsch, doch nicht erkennbar!“

Was aber wäre, wenn beide Recht hätten, ein bisschen zumindest? Nehmen wir an, das Fundament, aus dem der Anfang der erkennbaren Welt stammt und in das das Ende derselben mündet, wäre unerkennbar, aber der unendliche Kreisbogen zwischen beiden „Enden“ wäre erkennbar und beherrschbar?

Ist doch klar, was dann wäre X-Beliebigkeit. Keine Polarität mehr. Kein Streit darum, wer Recht hätte. Kein Krieg der Glaubensgegensätze mehr. Wer will denn das? Die Rüstungsindustrie bestimmt nicht.

Einen Versöhnungsversuch gab es schon, der sich ein wenig mit meiner Fundament-Theorie deckt.  René Descartes versuchte das damalige gesamte Wissen in einer Baumstruktur darzustellen.  „Descartes sah die Wissenschaft als einen Baum, dessen Wurzel die Erste Philosophie darstellte, der Stamm war die Physik (Naturphilosophie) und dessen Äste die Psychologie, die Anatomie, die die Physiologie beinhaltet, und die Mechanik. Dieser Baum beschreibt, wie die einzelnen Wissenschaften voneinander abhängen. Früchte kann man, wie bei jedem Baum nur von den Ästen ernten, aber der Stamm und die Wurzel sind unfruchtbar beziehungsweise nur indirekt.“iii   Das, was wir heute unter moderner Wissenschaft verstehen, steckte zu Descartes Zeiten noch in den Anfängen. Dafür war ein Überblick über das gesammelte Wissen noch möglich. Das Denken Descartes war neben seinem Drang nach Erkennbarkeit der Welt eingebunden in die Vorstellung, dass ein Gott existiere und dass die Seele unsterblich und ewig vorhanden sei.

Doch da es bei den Menschen nicht nur um Glaube und Wissen, sondern vor allem um Macht, Besitz und Reichtum geht, polarisierten sich die Gegensätze immer mehr. Die Religionsvertreter bekämpften die Wissenschaftler, solange sie die Macht dazu hatten, mit Gewalt. Heute hat die Naturwissenschaft, gestärkt durch machtvolle Industrien, die Macht. Und ein Glaube an Göttlich-Unerkennbares ist in den Industrieländern fast nur noch reine Privatsache, keine allmächtige Doktrin mehr.

Gegenüber dem inzwischen prachtvoll herangewachsenen Baum der Naturwissenschaften mit schier endlosen Verzweigungen scheint der Baum der Religionen scheinbar winzig klein, fast unsichtbar. Die Glaubensherrscher beschnitten in den vergangenen Jahrtausenden hinweg mit Vehemenz alles, was mit Frage und Antwort, mit dem leisesten Zweifel am Glauben zu tun hatte. Das, woran Gäubige glauben sollen, ist sozusagen die unendlich schmale Trennscheibe zwischen Stamm und Wurzel des Wissensbaumes. Gott existiere, ist aber sowohl unerkennbar als auch unbenennbar. So erhielten die Glaubensherrscher über die Zeit hinweg das WISSEN um den Glauben als fundamentale Kraft aufrecht. Ein großartiger Verdienst für die Menschheit.

Mir ist klar, dass weder die eine noch die andere Seite sofort mit meinem Kompromissvorschlag einverstanden sein wird. Denn das hieße, dass keine der Seiten das ganze Recht hätte, sondern nur zu 50 Prozent. Wer will sich schon mit der Hälfte abspeisen lassen, wenn auch nur die winzigste Chance besteht, ALLES bekommen zu können? Und sei es mit Gewalt, Lüge, Verleumdung, Ignoranz.

An dieser Stelle bietet es sich an, eine Frage zu klären. Was ist nun das Fundament? Der Glaube oder das Bewusstsein? Die Antwort heißt: beides. In der Tiefe ist alles eins. Das Bewusstsein ist das, woraus sich alles Dasein differenziert. Der wahrnehmbare Glaube steckt im einzelnen selbsterkennenden Wesen drin. Das Bewusstsein befähigt sowohl zum Glauben an das, was da ist, ohne zu fragen, als auch zum Wissenserwerb in der Form von Frage suchen und Antwort finden bzw. geben. Glaube und Wissenserwerb sind keine Eigenschaft, die allein dem Menschen angehören. Die Eigenschaften des Bewusstseins sind allgemeingültig und in jedem einzelnen Daseins-Teil vorhanden, die Wissenschaftler benannten sie je nach Wissenszweig mit anderen Begriffen. Das ist die Babelsche Sprachverwirrung.

Eine allgemeine Erkenntnis-Basis mit ganz allgemein geltenden Begriffen als Ur-Wissen könnte der Verwirrung EIN festes Fundament für weitere fachliche Differenzierung geben. Für dieses Fundament-Wissen biete ich folgende Begriffe an: Die Ur-Kraft ist zweigeteilt und besteht aus Sog und Druck, gleichzeitig getrennt und verbunden. (Wie das funktioniert, erkläre ich im Kapitel Verschränkung, Seite 112). Im weiter differenzierten Wissen benennt der Physiker im Atom den Sog als Atomkern und den Druck als Elektron, im Kosmos bedeutet physikalisch betrachtet Sog gleich Gravitation und Druck gleich Strahlung. In der Chemie nennt der Chemiker diese Vorgänge Oxidation und Reduktion, je nachdem, ob ein Ion von einem Molekül aufgenommen oder abgegeben wird, was allgemein mit inneren Sog- und Druck-Eigenschaften zusammenhängt. In der Psychologie bedeutet Liebe gleich Anziehung, also Sog, und Hass gleich Abstoßung, also Druck, in der Philosophie stehen für Sog die Frage und für Druck die Antwort.

Diese unterschiedliche Benennung derselben Kräfte und Eigenschaften hat Vorteile, wenn es um das Ansammeln von viel Wissen geht. Man stelle sich vor, all die unterschiedlich erkannten Teile der Welt trügen alle denselben Namen??? Ich denke, Gott hat die Menschen nicht nur verwirrt bei Babel, als alle noch EINE Sprache sprachen, er hat sie auch erlöst mit einer differenzierenden Struktur der Namen und Sprachen und vielseitigen Erkenntnisse. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile. Erkenntnis besitzt die Eigenschaft, eine differenzierte Struktur mit ineinander verbundenen Teilen zu bilden. Chaos ist das unsichtbare innere Fundament, Kosmos das sichtbare, äußere geordnete Zeit-Raum-Gebäude.

Es ist die Kraft des Soges im Menschen, der ihm nicht nur Hunger nach körperlicher physischer Nahrung, nach Besitz und Reichtum, sondern auch Hunger nach geistiger Nahrung fühlen lässt. So wird der Ur-Idee, ALLES zu werden und zu sein, durch das einzelne Teil und auch durch den Menschen absolut Rechnung getragen. Wirklich weise, diese fundamentale Idee von Allem-Sein.

i Wikipedia: Logos, Version 6.9.2013, 6.40 Uhr

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=L%C3%B3gos&oldid=121601456

 

ii cjvm: dawar, Version 6.9.2013, 6.53 Uhr

http://cvjm-server.de/cvjm/cms2/dokumente/bai_final.pdf

 

iii Westensee, Klaus: Ein Referat von Lisa Bartels, Tina Herzog, Virginia Luckwald, Ronja Ulrich und Anka Thießen, Fachlehrer Wesensee, Philosophiereferat über René Descartes, Version 6.9.2013, 7.30 Uhr

http://www.westensee.de/download/philosophie/descartes_2008.pdf

 

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