Der Baum des Wissens

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Bei meiner Suche, mich mittels Worten begreifbar zu machen, musste ich selbst erst viel Wortwissen erlernen und begreifen. So stellte ich bei meiner Suche nach Begriffen erstaunt fest, dass Bäume in der Geschichte der Menschheit eine fundamentale Rolle spielen. Jede Mythologie, die die Entstehung des Daseins beschreibt, hat einen Baum in seinem Zentrum. In der Bibel sind es der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis, in der nordischen Edda ist es die Weltenesche Yggdrasil, bei den Mayas ist es der Wacah Chan, bei den Persern der Simurgh, bei den alten Ägyptern die Sycomore, in der hebräischen Kabbalah der Baum Sefiroth. Wir können jetzt, wo wir die Begriffe Fraktal und Hierarchie begreifen, schon ein wenig verstehend lächeln. „Ja, so ist das gemeint!“

Der Baum steht als Symbol eben für Rangfolge und Wertigkeit, für Differenzierung in Zeit und Raum, ebenso wie für unser Begreifen dieser Struktur und für die allem innewohnende Wirk-Kraft der Schöpfung, des Daseins. Ich sagte es am Anfang dieses Buches: Alles ist Erkenntnis und Erkanntes, das sich aus dem Bewusstsein heraus differenzierte. Es sind nur andere Vokabeln, die ich benutze als unsere Altvorderen oder die einzelnen Wissenschaften. In seiner fundamentalen Bedeutung meine ich beinahe dasselbe wie die Religion und die Physik. Ich erschaffe meinen eigenen Sprachbaum zur Beschreibung der Entstehung der Welt. Damit möchte ich jedoch die Sprach- und Verständigungs-Verwirrtheit dieser Welt aufheben und ein weltweit geltendes Fundament des Erkennens und Begreifens des Daseins geben. Davon unbeschadet bleiben die einzelnen Wissenschaften, die ihre Fachgebiete weiter differenzieren.

Das menschliche Wissen baut sich hierarchisch gegliedert wie ein Baum auf. Der Mitbegründer der modernen Wissenschaft René Descartes (1596 – 1650), französischer Mathematiker, Philosoph und Naturwissenschaftler, schaffte es noch, das zu seiner Zeit vorhandene Wissen in einer Baumstruktur darzustellen. Als „Baum der Wissenschaft“ nannte er die Gesamtheit des Wissens und der Wissenschaften.

Descartes gilt heute als jemand, der das alte aristotelische – noch ganzheitlich-griechische – Verständnis der Welt in eine schon mehr mechanistische Sichtweise transportierte. Isaak Newton verstärkte diese mechanische Sichtweise weiter. Er lebte einige Jahre später als Descartes, galt zu seiner Zeit auch als Philosoph, ist aber heute mehr bekannt als Begründer der klassischen Physik, in dem er mit seinem Gravitationsgesetz die universelle Gravitation und Bewegungsgesetze beschrieb und damit den Grundstein für die klassische Mechanik legte. Die Gravitation als erkennbare Anziehungskraft in allem, die den Einzelteilen die „Masse“ verleihen soll, wird heute als EINE der vier Grundkräfte der Physik betrachtet, wobei die Physiker von einer einzigen nichtgeistigen und unpersönlichen Grundkraft des Daseins ausgehen.

Bleiben wir noch ein wenig bei Descartes, der sich mit den Kräften und der einen Wirkungskraft der Welt gedanklich sehr beschäftigte. Von ihm stammt der Ausspruch „Ich denke, also bin ich“ und er führte auch den Begriff des Selbstbewusstseins ein. Er teilte noch die altvordere Ansicht, dass Geist und Materie wechselwirkend einander beeinflussen und das Dasein erschaffen. Newton lehnte diese Ansicht ab und beschrieb seine Kräfte völlig frei von geistiger Beeinflussung. Dem folgte die moderne Physik, die unter dem Begriff Mechanik eine „geistlose Bewegung“ versteht. Zunehmendes Wissen machte eine Abtrennung von Philosophie und Religion und Naturwissenschaft erforderlich. Die beginnende Industrialisierung musste sich von religiösen Zwängen befreien. So wurde nach und nach die Naturwissenschaft geistlos, mit gravierender Auswirkung auf Moral und Ethik. 

Etwa zu Newtons Zeit trennte sich die bis dahin noch ganzheitliche wissenschaftliche Betrachtung in die beiden spezialisierten Zweige Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Heute betrachten die Physiker zwar mit ihrem Geist die Welt, sehen aber den Geist in der Welt nicht mehr bzw. weigern sich strikt, ihn sehen zu wollen. Dafür, so das moderne babelsche Argument, seien die Geisteswissenschaftler, auch die Neurologen und Psychologen, zuständig.

Das geteilte Begreifen

Descartes Baum der Wissenschaft hingegen war noch vom alten Geist durchleuchtet. Er orientierte seine Baumstruktur des Wissens und des Wissenschaffens (des Erkanntem und des Erkennens) an den alten Auffassungen der antiken Wissensschaffenden. Hier gelten wenige, dafür bedeutende Wissensschaffende als tragend für unseren heutigen Wissensbaum. Zu ihnen gehört Platon, der im 4. Jahrhundert v. Chr. den Begriff Dihairesii erschuf. Dihairesis bedeutet Einteilen, Auseinanderteilen, Trennen von Begriffen. Als Bild erkennbar als Begriffspyramide. Abb. 17. In dieser Form und Struktur begreifen wir die Welt: Wir teilen sie (ein).  Englisch bedeutet Teilen „division“(oder verb: divide), der Begriff wird uns wieder begegnen. Entsprechend dieser Dihairesis gibt es einen Oberbegriff, der sich aus Unterbegriffen zusammensetzt. Umgekehrt  ausgedrückt: Ein Begriff wird zu einem Oberbegriff, wenn man ihn in zwei Unterbegriffe auseinanderteilt. Nach Platon ist ein Oberbegriff immer in zwei Unterbegriffe eingeteilt. Und hier erkennen wir das differenzierende Prinzip der Zweiteilung genauso wieder, wie das Fraktal der Stückelung oder wie die Hierarchie der Gewichte und Bedeutung.

Begriffspyramide abb17

Abbildung 17: Der Mensch differenziert, um zu erkennen. Dabei erschafft er eine hierarchisch gegliederte Wissens-Struktur.

 

Mit dem Begreifen unserer Welt, mit der Struktur unseres Begreifens in der Form der hierarchischen Einteilung beginnt der Baum des Wissens zu wachsen. So können wir aus dem Oberbegriff Möbel die Unterbegriffe Tisch und Stuhl bilden. Der Tisch kann wieder als Oberbegriff gelten, den man unterteilt in z.B. kleine und große Tische. Und so weiter. In genau der Form der Differenzierung des Wortwissens im Laufe der Zeit differenzierte sich der sogenannte materielle Besitz des Menschen. Der heute vielfach geteilte Schrank mit Schubladen und Fächern zum Aufhängen und hinlegen von Kleidung differenzierte sich aus einer einfachen Kiste, auch Truhe genannt. Aus der „Ein-Raum-Wohnung“ der Hütten unserer Urahnen differenzierten sich moderne Hochhäuser, Schlösser und Villen. Aus dem einfachen Stock, der zum Schlagen, Stoßen, Wandern, Stochern, Messen, Bauen oder sogar Zählen diente, differenzierten sich im Laufe der Zeit unsere vielfältigen Werkzeuge und Waffen.

Platon war ein Vordenker, was die einfache, aber inhaltlich sehr gewichtige begriffliche Einteilung anbelangt. Nach ihm aber kamen viele, viele Denker, die alles ein wenig anders sahen, etwas zu dem System hinzutaten oder abzogen.

Es gibt den geflügelten Begriff „genial einfach“ oder auch „einfach genial“. Viele Nachfolger Platons sahen seine Begriffspyramide als eine geniale Idee an. Genauso viele aber waren am Werk, diese einfache Idee zu kritisieren und sie komplizierter zu gestalten. Schließlich sind alle Forscher innerlich getrieben, es besser zu machen als es zuvor war. 

Im Laufe der Zeit erfuhr die Dihairesis viele Umgestaltungen. Aus dem ursprünglich einfachen, inhaltlich großen Bild wurden viele komplizierte und komplexe Gebilde, die inhaltlich aber zunehmend an Wert verloren. Der von Platon geprägte Begriff Dihairesis – Begriffspyramide –  bekam im Laufe der Jahrhunderte viele Synonyme mit mehr oder weniger demselben Inhalt – Teilung und Einteilung von Begriffen: Meronymie (mero=Teil), Begriffshierarchie, Mereologie, Ontologie, Metaphysik, Mengenlehre, hierarchische Clusteranalyse, Teil-Ganzes-Beziehung, Enzyklopädie, Bibliothek, porphyrianischer Baum, Blume des Lebens, Organon, Syllogistik. In der modernen Klassenlogik kann man eine Begriffshierarchie auch so ausdrücken:

Die Klasse der Jäger, , diejenigen x, die sind, wobei  für die Jäger steht.“i

Für den Vordenker Platon, den höchstwahrscheinlich ein ganzheitliches inneres Bild zu seinen äußeren Darstellungen leitete, war die Idee das „Urbild“ oder auch „Vor-Bild“ des Da-Seins. Wobei Da-Sein als Begriff dafür steht, was erkannt werden kann, aber auch vergänglich ist. Während die Idee als Nicht-Da-Seiend nicht erkannt werden kann, ewig und unvergänglich ist.

Ich gehe davon aus, dass Platon dasselbe einfache Bild vom Dasein wie ich „sah“. Eventuell sah er auch den spiegelnden und wechselseitig in Beziehung tretenden Charakter von Subjekt und Objekt, Erkenner und Erkanntes. Doch war es ihm wohl nicht möglich, diesen einfachen Gedanken differenziert zu Ende zu denken. Zu sehr waren die damaligen Menschen zum einen noch im Glauben an Götterkräfte  eingebunden, zum anderen, schätze ich, waren das Selbst-Bewusstsein und die Selbst-Erkenntnis nicht so weit fortgeschritten wie heute. Und zum Dritten fehlt es an einem äußerst detailreichen Wort-Wissensschatz, wie die Menschen ihn heute besitzen. Damit lassen sich viele Thesen und Hypothesen detailierter und somit klarer verständlich machen als mit inhaltlich großen, aber einfachen Bildern. Hinzu kommt, dass es die Begriffe Bewusstsein und Selbst-Bewusstsein noch nicht gab.

Eine „ewige unerkennbare Idee“ hinter den Dingen macht aber wenig Sinn, wenn man den Weg des wissenschaftlich-technischen Fortschritts einschlägt. Solcherart Ideen lassen sich weder mathematisch noch mechanisch erfassen. So sah einige hundert Jahre nach Platon der Naturwissenschaftler Descartes zwar noch Geist und Materie als die Ureltern des Baumes des Wissens, doch die tragende Idee spielt bei ihm keine Rolle mehr. In noch späteren Begriffebäumen verschwinden sogar die ehemaligen Ureltern Geist und Materie und werden von moderneren Begriffen ersetzt. Diese neuen Begriffe geben aber nicht mehr den allumfassenden fundamentalen Inhalt ihrer Vorgänger-Begriffsbilder wieder. Dafür wird mit zunehmender Differenzierung des Wissens eine Eigenschaft des Begriffebaumes immer wichtiger: Die Verbindung der fraktalen Teile. Die Erkenntnis in der Wissenschaft wuchs zunehmend, dass alles nicht nur in Stücke geteilt und hierarchisch gegliedert und geordnet ist, sondern dass die einzelnen Teile auch noch untereinander verbunden sind.

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Abbildung 18: Die Geburt des vernetzten Wissens kann auf die „Encyclopedie“ im 18. Jahrhundert zurück geführt werden.

 

Landsleute von Descartes waren der Schriftsteller Dennis Diderot (1713-1784) und der Mathematiker, Physiker und Philosoph Jean Babtiste D´Alembert (1717-1783), die ein Jahrhundert nach Descartes die „Encyclopedie“ herausgaben, in dem sie das Wissen der Welt zwar auch noch in hierarchischer Baumform strukturierten, aber darin auch Querverweise unterbrachten. Man kann sagen, sie waren die Begründer des Netzwissens.

Je mehr sich die Wissenschaft der mechanistischen Sichtweise zuwandte, die sich nur auf äußerliche Erkenntnisse konzentrierte, desto weniger berücksichtigte sie den Gesamtzusammenhang von Innen und Außen, von Inhalt und Form. Heute betrachten die Menschen das Gebilde meist nur noch von außen und sehen ein Geflecht ohne Anfang und Ende. Der dem Geflecht zugrunde liegende fundamentale tragende Stamm wird nicht mehr erkannt.  Zugute halten muss man, dass es äußerst kompliziert ist, in einem dreidimensionalen dichtgewebten Netz, wie unser heutiges Wissen sich darstellt, den Anfang zu finden.

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Abbildung 19: Hierarchie und Vernetzung schließen sich nicht aus. Sie bedingen einander.

 

Die Wissenschaft verwendet natürlich noch immer hierarchische Strukturen bei der Sortierung und Ordnung ihrer Fachgebiete. Seit vielen Jahren ist auch klar, dass die einzelnen Wissenschaften alle irgendwie miteinander verknüpft sind. Es bilden sich sogar neue Gebilde aus den einzelnen vernetzten Wissenschaftsteilen. Es gibt zum Beispiel die Neurophysik und die Biochemie. Bei großen Projekten arbeiten Wissenschaftler aus vielen Fachgebieten zusammen. Vernetzung ist das Modewort schlechthin. Von einer Hierarchie will kaum noch jemand etwas wissen.

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Abbildung 20: Ein vom Wind zerzaustes Kornfeld. Jeder Halm stellt eine Verbindung zwischen weitestem Himmel und tiefster Erde dar.

Doch verweisen auch immer mehr Wissenschaftler auf innere Verbindungen allen Daseins, die bei der Bildung und Erschaffung der rein menschlichen Welt und Umwelt in Zukunft mehr berücksichtigt werden müssten. Zum Beispiel ist permanenter wirtschaftlicher Wachstum untrennbar mit einem Raubbau der Natur und einem Erschaffen eines riesigen Müllaufkommens verbunden. Wirtschaftswachstum führt zu Klimaveränderung. Bei einer luxuriösen Ernährung, wie sie sich zum Beispiel die Europäer leisten, würden die Nahrungsmittel der ganzen Erde für alle derzeit lebenden sieben Milliarden Menschen nicht ausreichen.

Descartes war noch der Auffassung, dass es einen Schöpfer-Gott geben müsse, weil ihn seine Logik des Erkennens darauf zurück führte. Doch gleichwertig verwies er schon darauf, dass die von Gott erschaffene Natur nach allgemeinen mechanischen Gesetzen funktioniert und dass der Mensch diese Gesetze rational – mit seinem eigenen Geist – erkennen könne, um die Welt beherrschen zu lernen.

Das Fundament des Wissens- bzw. Erkenntnisbaumes, den ich hier vorstelle, ist das Bewusstsein. Eine andere Bezeichnung, weil aus einer anderen Sichtweise stammend, ist der Begriff Glaube. Aus dem Glauben, in dem das Wissen ungeboren und ungeteilt ruht, wächst durch Erkenntnis der Wissensbaum in Form von Frage und Antwort und Begreifen. Der sogenannte menschliche Geist, der seine Welt erkennt, einteilt und beherrscht, ist fundamental dreigeteilt.

Nach Beherrschung der erkannten Welt sieht es heute aber ganz und gar nicht mehr aus. Alles scheint irgendwie in einem unentwirrbaren Knäuel von chaotischen Verbindungen und Vernetzungen aufgelöst zu sein. Der moderne Mensch sieht nur noch die unbeschnittene ins schier Unermessliche sich ausweitende Krone voller verbundener Zweige und Zweiglein des Wissensbaumes, es scheint unmöglich, die allem zugrundeliegende Kraft der Beherrschung zu erlangen.

Woher und Wohin

Entsprechend der Platonischen Teilung eines Begriffes in hierarchisch zu betrachtende Unterbegriffe geht diese Teilung nur solange, bis es bei dem einen Teil ankommt, das nicht mehr zu teilen geht. Dieses unterste Teil nannte Platon atomon eidos – das unteilbare zuletzt zu seiende Teil, nach dem auch heute noch die Physiker suchen. Der Begriff Atom stammt aus der Antike und bedeutet „Unteilbares Teil“. Die moderne Physik teilt heute mit neuesten Mess- und Rechenmethoden das ehemalige unteilbare Atom in noch viel kleinere Teile und Gegenteile. So ist das Atom heute erkennbar und messbar geteilt in den Atomkern (Proton) und die Atomhülle (Elektron), das Proton ist wieder geteilt in das Quarks und das Antiquarks und dann – rein theoretisch und rechnerisch, denn „sehen“ kann diese Teile niemand, – kommt durch weitere Teilungen der Teilchenzoo der Quantentheorie hinzu mit seinen Bosonen und Tachyonen und dem ominösen Higgs-Teilchen, das die theoretisch berechnete Eigenschaft hat, dem gesamten praktischen realen Dasein eine „Masse“ zu verleihen. Und am innersten Ende der Teilung soll es Strings geben, kleine Fäden, die schwingen. Damit diese Fädchen schwingen können, benötigt die Wissenschaft in ihren Berechnungen um die elf Dimensionen, von denen einige eingerollt sein müssen, damit die Berechnungen stimmen.

Übrigens steht nach Platon dem atomon eidos der erste genos eidos gegenüber. Genos bedeutet soviel wie Herkunft – woher alles stammt, woraus sich alles teilte, das erste „Teil“. Zu Platons Zeiten ist dieser erste Genos das Chaos, was noch gar nicht geteilt ist. In der altvorderen Ansicht von der erkannten Welt gibt es demnach viele Teile, die eine hierarchische Gliederung erfahren, dabei können die untersten (kleinsten, unwichtigsten) Teile in sich selbst nicht mehr geteilt werden und das alleroberste (größte, wichtigste) Teil ist noch ungeteilt. Unteilbarkeit ist somit ein verbindendes Element zwischen dem kleinsten und dem größten Teil in der Hierarchie der geteilten Wirklichkeit. Dazwischen liegen alle großen und immer kleiner werdenden Teile.

Eidos wird übersetzt in: „Das zu Sehende“, zugleich auch in „das ihm innewohnende Wesen“. So waren die alten Griechen – sie gaben einer Einheit immer eine Form UND einen Inhalt. Eidos wird auch oft mit dem Begriff Idee übersetzt. Alle aus dem genos eidos geteilten Teile besitzen eigene individuelle Eigenschaften, Charaktere, ein eigenes inneres Wesen. Das atomon eidos, das kleinste aus dem genos eidos heraus geteilte Teil, enthält nur noch ein winziges Merkmal des ehemaligen ganzen Charakters. Dieses Merkmal ist so winzig klein, dass man es nicht mehr erkennen kann. Hier liegt die Betonung auf NICHT MEHR. Während das genos eidos NOCH NICHT erkannt werden kann. „Nicht erkennen“ ist somit auch ein Bindeglied zwischen dem Allerkleinsten und Allergrößten.  Diese Passage enthält ein Paradoxon. Zum einen bedeutet eidos das zu Sehende, gleichzeitig aber beschreibe ich das „größte“ und „kleinste“ Teil als nicht erkennbar. Ich gebe zu, dieses Paradoxon ließ mich lange an meiner Theorie zweifeln, bis ich die Erkenntnis akzeptierte, dass unsere Welt im Fundamentalsten logisch UND paradox zugleich ist. Punkt und Unendlichkeit sind nicht erkennbar, aber Voraussetzung für alle dazwischen liegenden erkennbaren Teile. Diese Erkenntnis fasste ich in die Formel 0 = ≠ 1 = -½ + +½. 

das einfache Bild in der Formel abb21

Abbildung 21: 0 = 1 steht logisch-unlogisch formell für das genos eidos, aus dem das Dasein sich hierarchisch in Gegen-Teile teilt.

 

Zwischen dem „Kleinsten“ und dem „Größten“ liegen alle Erkenntnisse und alles Erkennbare, hübsch gegenüberstehend. Das größte und das kleinste Teil besitzen die Eigenschaften des NICHT Erkennbaren und des Ungeteiltseins. Das würde – nach der Erkenntnis von Platon, dem ich hier durchaus logisch folge – bedeuten, dass es unmöglich ist, das kleinste unteilbare Teil zu erkennen bzw. zu messen. Es ist NICHT möglich. Genauso wie es nicht möglich ist, den ANFANG des Universums zu erkennen, wo es noch ungeteilt ist. Es ist NICHT möglich. Was bedeutet das für die Erkenntnis der Welt insgesamt?

Aus dem Nichterkennbaren teilen sich das Bild und sein Abbild, der Erkenner und das Erkannte. Jeder erkennbare Teil benötigt für seine Selbsterkenntnis ein spiegelbildliches Gegenüber.  Diese scheinbar schwierige philosophische Erkenntnis kann jeder an sich selbst testen. Sehen Sie sich einmal selbst in die Augen. Das geht nicht. Jedes Individuum benötigt einen Spiegel, eine Umwelt, um sich darin erkennen zu können. Einfach gesagt: Wir Menschen können uns im silberbehauchten Glasspiegel rein äußerlich erkennen. Das ist schon eine große evolutionäre Leistung. Eine Weiterentwicklung dieses Erkenntnisvermögens ist das Erkennen des Selbst in seiner Umwelt, womit die Menschen jetzt so langsam beginnen und was als Bewusstwerdung bezeichnet wird. Umweltbewusstsein, Ernährungsbewusstsein, Körperbewusstsein und anderes nehmen immer mehr zu. Ein noch weiterer Schritt ist die Erkenntnis, dass wir Verursacher aller Umweltereignisse sind. Zunächst erkennen wir nur das, was uns am raumnächsten und zeitnächsten liegt. Zum Beispiel unsere menschlich erzeugte Umweltverschmutzung, unsere durch menschliches Tun erzeugte Klimaerwärmung, unsere durch menschliches Handeln erzeugte Ressourcenausbeutung.

Der nächste Erkenntnisschritt, zu dem ich hinleiten möchte, ist, dass wir in unserem innersten, tiefsten Wesenskern die Schöpfer aller Erscheinungsformen waren, sind und sein werden. Dabei betrachte ich den Menschen sowohl in seiner zeiträumlichen Entwicklung als auch in seiner individuellen Möglichkeit im Hier und Jetzt. Und dass wir daher zum einen alle Probleme lösen können, zum anderen öffnet sich ein Tor zu neuen kreativen Möglichkeiten fern von derzeitigen physikalischen Gesetzen.

Das anfängliche einfache schwarz-weiß-grau-Bild wurde mir bei meinem Forschungsweg immer bewusster. Je mehr Begriffe ich fand, desto klarer konnte ich mich ausdrücken, meine Erkenntnis formulieren und anderen Menschen mitteilen. Das Bild selbst schien sich mir jetzt in hierarchisch strukturierten Begriff-Teilen mitzuteilen. Dazu gehört auch der Begriff  genos eidos, aus dem sich weitere Begriffe und Inhalte teilen und mit ihm in Verbindung stehen.

Die Silbe „Gen“ des Begriffes „genos“ bildet zum Beispiel den Stamm des modernen biologischen Begriffes Gen, das als ein winziger bedeutungsvoller Abschnitt der DNA als Träger der Erbanlage gilt. Und es gibt da auch einen Gen-Baum, der Mensch ist in seiner Wesens-Struktur eine hierarchische Ordnung in zeiträumlicher Entwicklung aus ETWAS heraus geteilt.

Das alles ist Sprache? Aber natürlich. Fragen Sie einen Gen-Forscher. Der erklärt, wie die Sprache der Gene zu verstehen ist. Die Genetik befasst sich damit, wie sich aus einer ursprünglichen Eigenschaft viele neue Eigenschaften bei nachfolgenden Generationen entwickeln.

Der Krebsforscher Bernd Gänsbacher brachte 2009 das Buch heraus „Die Sprache der Gene verständlich erklärt“ii:

Alle sprechen von den Genen und deren Macht und Einfluss auf unser Leben. Gibt es kein Entrinnen vor dem Text im Buch des Lebens? Man sollte sich davon nicht einschüchtern lassen, meint der bekannte Krebsforscher Bernd Gänsbacher. Das Alphabet des Lebens lässt sich nämlich auch leicht verständlich darstellen. Mit diesem Buch versucht Gänsbacher die Herkunft der Gene und die evolutionäre Entwicklung des menschlichen Genoms in einer nichtwissenschaftlichen Sprache zu erklären. Er zeigt den Weg auf, den wir Menschen schon gegangen sind, und trägt so zu unserem Selbstverständnis bei. Am Ende wird klar, dass trotz der Macht der Gene der Mensch zu einem großen Teil sein Leben immer noch selbst bestimmen kann.“15

DNA Stammbaum abb22

Abbildung 22: Die DNA ist nicht nur wie ein Baum aufgebaut, sie hat auch eine hierarchische Struktur.

 

Die Gene der DNA werden somit sowohl geschrieben als auch gelesen, was als Sprache verstanden werden muss. Nur die Sprachforscher beharren darauf, dass der Begriff Sprache allein für die menschliche verbale Lautäußerung gelten solle. Das ist ihr gutes Recht und entspricht schon der Tradition. Jede erkannte Einheit grenzt sich von anderen Einheiten ab. Jede Erkennergruppe grenzt zum Zwecke einer für sie vollständigen Erkenntnis ihres speziellen Faches ihr Fachgebiet ein. Sie zieht einen Zaun, bildet eine Haut, markiert eine Grenze, steckt das Claim ab. Entsprechend der Erkenntnistheorie ist das Abgrenzen eine Eigenschaft des Bewusstseins schlechthin – es ist Bestandteil der schon erklärten fraktal-hierarchischen Strukturbildung. Ohne Abgrenzung ist das Einteilen nicht möglich. Doch auf der Suche nach dem Fundament von allem reiße ich diesen Zaun der Sprachforscher ein.

Gene und Umwelt

Es gibt einen hierarchisch strukturierten Gen-Stammbaum. Das Innen, wozu auch die Gene gehören, und das Außen, die Umwelt, beeinflussten sich im Laufe der Entwicklung gegenseitig. Das Innen „erkennt“ das Außen und umgekehrt. Der Vorgang des Begreifens ist die Materialisierung der Erkenntnisse, die das Innen im Wechselspiel mit dem Außen sammelte. So entstehen immer neue Strukturen, die mehre Teile besitzen, die mehr vernetzt sind, die wir als höher entwickelt bezeichnen. Tief in seinen Genen hat der Mensch somit etwas Bakterienhaftes.

Professor Dr. Rainer Riemann, Universität Bielefeld, stellt in einem Fachbeitrag sehr umfassend und anschaulich seine Sicht zu „Neuen Erklärungen für menschliches Verhalten“ dar. Wie er berichtet, hätten sich Forscher lange Zeit gestritten, ob Erbanlagen entweder angeboren oder anerzogen seien. Jetzt aber wüchsen die Erkenntnisse darüber mehr und mehr, dass die Anlage eines Menschen und die Aktivitäten der Umwelt ein Zusammenspiel darstellten. Anders als die Forscher der menschlichen Sprache gehen die modernen Verhaltensgenetiker „hochgradig interdisziplinär“ vor, „denn Beiträge aus Biologie, der Genetik, der Psychologie, der Statistik und eine Reihe weiterer Disziplinen sind notwendig, um das komplexe Verhalten von Genen und Umwelt aufschlüsseln zu können“,iii so der Autor. Er schildert weiterhin die überaus mühsame Forschungsarbeit, um zu deutlichen und klaren Ergebnissen zu kommen, gerade auch dann, wenn so viele Disziplinen mitreden. Es geht bei dieser Forschung ganz allgemein darum: Wieso sind die Menschen so wie sie sind und wieso verhalten sie sich so, wie sie sich verhalten. Daran werde zurzeit sehr stark international geforscht, berichtet Riemann.

Weil sich die Naturwissenschaft vor einigen hundert Jahren entschloss, keinen Geist mehr in der Materie erkennen zu wollen, weil sie davon ausgeht, dass das Dasein allein materiell bedingt sei, versucht man als moderner Genetiker die Antworten des menschlichen Verhaltens in den materiellen Genen zu finden. Ich fand es ungemein spannend bei der Lektüre jenes Heftes, dass viele Forscher zu der Ansicht kommen, dass Gene und Umwelt eine durchaus symbiotische Einheit darstellen. Spannend für Prof. Riemann und weitere Genetikforscher ist vor allem die Frage, „wie es die Umwelt überhaupt schafft, psychische Prozesse zu beeinflussen?“

Diese Erkenntnisse werden neuerdings von den Erkenntnissen der Gehirnforscher, den Neurobiologen, gefüttert. In dem gesamten Heft findet der Leser zahlreiche interessante Beiträge über die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem Thema verständlich dargelegt. Allerdings fand ich leider nicht einen Beitrag, in dem eine geschichtliche Rückverfolgung von gegenseitiger Beeinflussung des Innen und Außen Gegenstand der Untersuchung war. Es gibt nicht nur das alte Sprichwort: Die Umwelt formt den Menschen, sondern auch den weisen Spruch: Wenn wir nicht wissen, wo wir herkommen, wie sollen wir wissen, wo wir hingehen? Wenn die Forscher nicht wissen, wie ALLES begann, wie sollen sie herausfinden, wie das Verhalten, die innere Motivation und die Zielstellung der Menschen für ihr Handeln besteht? Das ist das fundamentale Problem der heutigen Wissenschaft, die so vieles erkennt und verständlich macht. Alle Wissenschaften erkennen ihre eigene Basis nicht, das fundamentale Wesen ihrer eigenen speziellen Wirkungsweise.

Nach meiner Forschung und entsprechend meinem inneren „Vorbild“ wird das ICH in seiner Tiefe genauso wenig von den Genen wie vom Gehirn gesteuert. All diese Teile, ob Gene, Magen, Darm, Gehirn, Eiweiße, Moleküle oder Atome, sind fraktal-hierarchische Werkzeuge auf dem langen Weg des universellen Ichs, sich selbst zu erkennen. Die Begriffe ICH und ERKENNTNIS sind uralt und hatten vor tausenden Jahren eine umfassendere Bedeutung als wir es heute wissen oder wahrhaben wollen oder können. In der Bibel finden wir diese allumfassende Aussage einmal im Alten Testament, wie Moses Gott begegnet und ihn fragt, wie er ihn nennen solle, und Gott Antwortet: Ich bin der Ich bin.

Wenn wir Menschen unseren Weg ganzheitlich finden wollen, müssen wir diese innere Größe annehmen. Die Aussage ICH BIN bedeutet: Jedes Teil, also auch der Mensch, ist sowohl Innen und Außen.  Der Weg der Erkenntnis beginnt mit Differenzierung in die Gegenteile Innen und Außen, die sich gegenseitig beeinflussen bei der weiteren Differenzierung und Verbindung zu immer neuen Einheiten. Am Ende des Weges des Erkenners kann er die vollkommene Einheit als reines Bewusstsein wieder erlangen. Erkenntnis ist in seiner tiefsten Bedeutung nicht allein ein menschlich-psychologischer Akt, sondern sowohl ein kreativ-erschaffender als auch kreativ auflösender.

Einfache Wahrnehmung abb23

Abbildung 23: Erkennen ist differenzieren. Das Innen spiegelt das Außen wieder und umgekehrt.

 

Die moderne Forschung erkennt jetzt aber auch schon die verbindende Gegenseitigkeit. Lange Zeit war sie auf dem Weg, das Ganze erkenntnismäßig zu trennen und in verschiedene Fachrichtungen abzugrenzen. Die Sprache vereint immer wieder alle Gebiete – zurzeit noch irgendwie.

Selbst in der Wissenschaft von der Sprache, der Linguistik, wird das Stammwort Gen benutzt. „Als genetisch verwandt nennt man in der Linguistik Sprachen, die auf eine gemeinsame Ursprache zurückgehen.“iv

Eine Ursprache wird in der als Stammbaummetapher die Wurzel eines Baumes aufgefasst, der die Aufspaltung der Sprachfamilie anschaulich darstellt.“v  

Das heißt, aus einer Obersprache teilten sich die Untersprachen. Allen Sprachen liegt eine Sprache zugrunde. Allerdings ist auf dem bisherigen wissenschaftlichen Forschungsweg die gemeinsame Ursprache noch nicht gefunden worden. Erinnern wir uns. Auch die Physiker fanden bisher die Urkraft noch nicht. Wir besitzen sooooo viele Worte für ein und dasselbe. Babel lässt grüßen.

Am Anfang war das Wort. Am Anfang war die Idee. Am Anfang war das Chaos. Am Anfang war Gott. Am Anfang war die Ursprache.

Doch wie schon herausgearbeitet, ist der Anfang, das große Ganze, aus dem sich alle Teile des Universums teilten, unergründlich und unerkennbar. Das ist eine ihm eigene Eigenschaft. Es ist wichtig und von fundamentaler Bedeutung für das Leben und Forschen in unserer Zeit. 

Zu sehen ist der Anfang nicht. Zu erkennen ist der Anfang nur von Niemandem. Was heißt, wenn nichts zu erkennen ist, ist auch niemand da, der etwas erkennen könnte. Auf diesem Fundament baut unser sichtbares und erkennbares Dasein auf. Der Erkenner erkennt das Erkannte. Die Kraft des Sehens wird bewirkt durch das zu Sehende. Strahlung und Auge sind vom selben Aufbau, nur umgekehrt geordnet. Die Biene, die die Blüte befruchtet, entstand evolutionär gemeinsam mit der Blüte.

Noch einmal zurück zum Genbaum. Nach meiner These hat die einfach differenzierte DNA einer Bakterienzelle fraktal-hierarchisch gesehen eine viel gewichtigere Lebenskraft als die vieldifferenzierte DNA einer menschlichen Zelle. Wie sonst wäre es zu erklären, dass eine Bakterie oder ein Virus es schafft, einen Menschen mit all seinen vielen Zellen und komplexen Möglichkeiten der Abwehr ernsthaft zu beschädigen und sogar zu töten? Wie sonst ist zu erklären, dass eine Bakterie den „Bauplan“ einer menschlichen Zelle kennt und Mittel besitzt, diese Zelle zu zerstören? Wie sonst ist zu erklären, dass Bakterien innerhalb kürzester Zeit ihre innere Struktur derartig verändern können, dass ihnen „Giftstoffe“ wie Antibiotika nicht mehr das Leben nehmen? Wie sonst ist auch die Wirkung von Gift und Heilmitteln, die schließlich nur molekulare Strukturen besitzen, zu erklären, wenn nicht dadurch, dass innere Kräfte einer hierarchischen Struktur unterliegen, die einen wirkenden Kraftanfang haben MUSS?  

Doch wenn der Mensch in seinem Gen-Stamm-Baum selbst das „Wissen“ einer Bakterie hat, kann er über eine innere Sicht dieses Wissen auch wieder zurück erlangen. Diesmal aber im Gegensatz zur Bakterie bewusst.

i Wikipedia: Dihairesis, Version 8.9.2013, 11.56 Uhr

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Dihairesis&oldid=121176982

 

ii Gänsbacher, Bernd: Die Sprache der Gene verständlich erklärt“, Amazon, hier erschienen 18.8.2009,

http://www.amazon.de/Die-Sprache-Gene-verst%C3%A4ndlich-erkl%C3%A4rt/dp/8872833477 letzter Aufruf 4.8.2013, 14.22 Uhr

 

iii Riemann, Rainer: „Neuen Erklärungen für menschliches Verhalten“. Spektrum der Wissenschaft spezial Biologie-Medizin-Hirnforschung „Gene und Umwelt – Wie wir werden, was wir sind“, 2/13, S. 6-10

 

iv Wikipedia: Genetische Verwandtschaft (Linguistik), Version 8.9.2013, 12.02 Uhr

ht/de.wikipedia.org/w/index.php?title=Genetische_Verwandtschaft_(Linguistik)&oldid=118767711

 

v Wikipedia: Ursprache, Version 8.9.2013, 12.05 Uhr

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ursprache&oldid=121296778

 

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